VitalyVotanovskyEiner der wichtigsten Hilfen bei der Recherche nach gefallenen Soldaten im Krieg gegen die Ukraine war lange Zeit Vitaly Votanovsky (Foto links, Aufschrift: Putin, es gibt nicht genug Gift für alle). Der ehemalige Offizier der russischen Armee hat seit Beginn des Ukrainekrieges die Friedhöfe der Region Krasnodar abgesucht und die Gräber von den Kriegstoten fotografiert, deren Tod nirgendwo öffentlich dokumentiert wurde. Seine Ermittlungen hat er dann in seinem Telegramkanal "Tituschki in Krasnodar" veröffentlicht. Wir konnten auf Grund seiner Arbeit bis heute 621 zusätzliche Namen aus der Region Krasnodar veröffentlichen. Und Vitaly Votanovsky hat als erster den Wagner-Friedhof im Dorf Bakinskaja bei Gorjatschi Kljutsch entdeckt und dokumentiert. Damit wurden weitere 695 getötete Söldner der Gruppe Wagner öffentlich bekannt.

In Russland war Vitaly Votanovsky nicht mehr sicher. Der Staat hatte ihn am 15. Oktober 2023 in die Liste der "ausländischen Agenten" aufgenommen, er bekam anonyme Drohungen und ein Strafverfahren. Ein Reisepass wurde ihm zunächst verweigert. Im April 2023 verließ er Russland.

Vitaly Votanovsky 1

Im Rang eines Oberst verließ Vitaly Votanovsky im Jahr 2012 die russische Armee. Er sagte, dass er bereits seit 2006 vom russischen System desillusioniert gewesen wäre. „Ich sehe keine Gerechtigkeit in Russland. Wozu brauchen wir unser Land? Um den Lebensstandard der Bevölkerung zu erhöhen. In unserer Verfassung steht geschrieben, dass es die Aufgabe des Staates ist, die Rechte und Freiheiten der Bürger zu schützen. Aber ich habe gesehen, wie der Staat die Industrie und die Medizin zerstört hat", sagte er in einem Interview mit der Agentur SOTA.

Der Wechsel der Macht ist ein wunderbares Elixier gegen Kriege und andere Dinge. Bewegung ist ein Kampf der Gegensätze. Und damit sich ein Staat entwickeln kann, muss es in ihm einen politischen Wettbewerb geben", ist der Aktivist überzeugt. Folgerichtig hatte er sich dann der Bewegung von Alexei Nawalny angeschlossen.

Die Idee, die Gräber der Kriegstoten zu dokumentieren, entwickelte sich eher zufällig. Im April 2022 entdeckte Vitaly einige Gräber im Dorf Juschny, Bezirk Dinsky, Region Krasnodar, und dann in Krasnodar selbst. Er veröffentlichte die Fotos in seinem Telegramkanal.

Bald begann ich, dies systematisch zu tun, weil ich sie den Leuten zeigen musste. Ich kann meine Meinung und Einstellung zum Krieg nicht äußern, weil sie strafbar sind. Aber ich kann zeigen, wozu dieser Krieg führt. Das habe ich bis zu einem gewissen Zeitpunkt erfolgreich getan, indem ich Fotos der Gräber und eine geografische Angabe des Ortes veröffentlicht habe. Und lassen Sie jeden seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen, ob dieser Krieg gut ist oder nicht“, sagte Votanovsky gegenüber SOTA.

Am meisten fiel Votanovsky bei seinen Reise über das Land auf, dass die lokale Bevölkerung Schwierigkeiten damit hat, "wie man eine Ursache-Wirkungs-Beziehungen herstellt".

"Als ich in Nawalnys Hauptquartier arbeitete, versuchte ich, den Menschen die Augen zu öffnen für das, was geschah. Zuerst im politischen Bereich, dann über den Krieg. Aber sie wollen ihre Augen nicht öffnen. Wenn ich durch die Dörfer fahre, möchte ich manchmal heulen. Bis etwa November wusste niemand in den Dörfern etwas über die Gräber, über den Krieg. Nur wenige Passanten konnten eine Frage zu den Toten beantworten oder sagen, dass ein Dorfbewohner in ihrem Dorf gedient hat. Aber jetzt kennt fast jeder Befragte entweder die Namen der Toten oder jemand, den er kennt, ist mobilisiert worden. Früher wollte ich die Menschen darüber informieren, dass der Krieg weitergeht, aber jetzt ist fast jeder davon betroffen," sagte er SOTA.

Irgendwie hat er dann doch noch seinen Reisepass bekommen. Er fuhr nach Mineralnyje Wody (Stawropol) und nahm ein Flugzeug nach Armenien. Von Armenien wollte er nach Deutschland reisen und hier Asyl beantragen. "Zuerst wollte ich ein humanitäres Visum für Deutschland bekommen, aber die NGO InTransit (hilft bei der Evakuierung von Russen, die von politischer Verfolgung bedroht sind), die ich um Hilfe gebeten habe, hat seit mehreren Monaten nicht geantwortet."

Da Informationen in Armenien zirkulierten, dass die EU ihre Gesetzgebung für Asyl und Zuwanderung weiter verschärfen will, wollte Vitaly Votanovsky nicht länger in Jerewan bleiben. Die Umstände seiner weiteren Flucht beschrieb er in seinem Telegram-Kanal:

Vitaly Votanovsky 2Es wurde ein Transitflug von einem Balkanland in ein anderes Balkanland über einen deutschen Flughafen beschlossen. Die Kosten für Tickets von Georgien nach Bosnien, von Bosnien nach Serbien betrugen stolze 800 €. Ich habe Sie um Hilfe für den fehlenden Betrag gebeten. Die Hilfe habe ich erhalten. Am 3. Februar flog ich von Georgien nach Bosnien. Als ich auf einem Flug von Bosnien nach Deutschland die Passkontrolle durchlief, tauchte eine Frage zu meinem Visum auf. Als Transitnachweis habe ich das Ticket von Deutschland nach Serbien vorgelegt. Sie verziehen mir fassungslos. Ich wartete darauf, in das Flugzeug einzusteigen. Nach einiger Zeit kamen Flughafenmitarbeiter auf mich zu und sagten, dass Deutschland mit meinem seltsamen Transit nach Serbien durch Deutschland nicht einverstanden sei.

Ich wurde aus dem Zollbereich gebracht und mein Gepäck zurückgegeben. Während ich alle kontaktierte, die sich Sorgen um meine Reise machten, startete mein Flugzeug ohne mich. Ich hatte kein Geld mehr, um nach Georgien oder Armenien zurückzukehren. Es wurde beschlossen, die Ersatzoption in Anspruch zu nehmen – Asyl auf dem Territorium des nächstgelegenen EU-Landes – Kroatien. Zum kroatischen Kontrollpunkt, wo Flüchtlinge aufgenommen werden, mussten wir ein Taxi nehmen, da es bereits später Sonntagabend war. Ich habe fast alle meine Rücklagen mit dem Taxi „verbrannt“ – 400 €. Das sind die Kosten für die Durchquerung fast ganz Bosniens von Sarajevo bis Novi Grad. Ich kam am 4. Februar um 20:00 Uhr am kroatischen Kontrollpunkt an.

Nach seinen Angaben musste er die Nacht in der Nähe der Grenze verbringen. Am nächsten Morgen befanden sich mehrere Familien mit ihm in der Nähe des Kontrollpunkts, darunter Menschen aus Tschetschenien und Inguschetien, die ebenfalls in Kroatien Asyl beantragen wollten. Einige wurden abgelehnt.

"Einem 35-jährigen Mann wurde das Asyl verweigert, weil er sich bereits auf EU-Gebiet befand und Ungarn ihn mit einem schwarzen Fleck versehen hatte. Zwei Stunden später kam eine Familie mit zwei Frauen aus Inguschetien zu uns. Wir wurden recht schnell erfasst, und unsere Pässe und Kommunikationsmittel wurden uns abgenommen. Wir warteten lange Zeit auf den Polizeiwagen. Das Auto kam erst um 16.00 Uhr an. Wir waren zu 13 Personen darin", schrieb Votanovsky*.

Ihm zufolge wurden er und seine Begleiter nach dem Grenzübertritt in einem speziellen Haftzentrum untergebracht, wo komfortable Bedingungen herrschen und alles Notwendige vorhanden ist. "Ich habe vor, in Kroatien zu bleiben – es ist ein ziemlich anständiges Land, ein EU-Land wie alle anderen. Auf jeden Fall werde ich in Kroatien in Sicherheit sein", sagte er "Radio Free Europe".

Seit Vitaly Votanovsky Russland verlassen hat, sind die Informationen über russische Verluste auf seinem Telegram-Kanal weniger geworden. Aber seit Anfang Mai 24 konnten wir über 50 Meldungen aus seinem Kanal in unsere Listen übernehmen.  Dazu Vitaly Votanowsky: "Informationen werden mir von Leuten geschickt, die den Mut haben, Bestattungen zu fotografieren, und ich poste sie einfach. Als ich ging, hatte ich zunächst sechs Freiwillige – Mitarbeiter, Bekannte, die mir ständig Materialien schickten. Und jetzt hat sich dieser Kreis auf drei Personen verengt. Die Leute haben damit aufgehört, obwohl es viele Verluste gibt. Jetzt schicken mir drei Freiwillige von Zeit zu Zeit Informationen. Die Konsistenz meiner Arbeit geht langsam gegen Null."

Und wie geht es weiter?

Um ehrlich zu sein, möchte ich mich jetzt ganz von der russischen Agenda entfernen, auf die russische Welt spucken und Kroatisch lernen. Ich werde einen Kurs belegen, alle Nachrichtensender auf Russisch abschalten, die Nachrichten auf Kroatisch lesen und mit den Menschen kommunizieren. Wenn man die russische Sprache nicht in den Ohren hat, lernt man sie schneller. Aber ich kann noch nicht abschalten.

In drei Monaten, wenn die ersten Dokumente ausgestellt sind, darf ich arbeiten, aber ich habe noch keine Papiere. Ich möchte mich ein wenig in das lokale Leben integrieren, und dann wird es möglich sein, zu einer aktiveren, sozusagen informellen Tätigkeit zurückzukehren. Wir haben ein Ziel: den Sturz des Putinismus.

Ich hatte eine Phase, in der ich fast nichts geschrieben habe. Und dann geht die Apathie vorbei, der zweite und dritte Atemzug tut sich auf.


 Nachtrag: Es gibt immer Probleme bei der Übertragung von Namen aus dem Russischen. Korrekt wäre wahrscheinlich Vitaly Wotanowsky. Da aber in der Regel die englische Übersetzung verwendet wird, haben wir diese Schreibweise auch übernommen.