Wladimir VogelAm 22. Mai 24 teilte die ländliche Siedlung Itat mit: "Die Verabschiedung des Kämpfers Wladimir Vogel findet am 23. Mai 2024 (Donnerstag) im Haus der Kultur unter der Adresse: Dorf Tomskoje, Majakovskogo Straße, 26 um 12.00 Uhr statt." (Link)

Dorf und Siedlung liegen in der Region Tomsk. Wladimir Vogel (Владимир Фогель) hatte dem Namen nach deutsche Vorfahren, war 62 Jahre alt, arbeitete im Ort als Wachmann und wäre bald in Rente gegangen.

Er lebte seit 24 Jahren mit Natalia zusammen - unverheiratet. Beide haben Kinder aus früheren Beziehungen. Und Wladimir Vogel schaute zu viel Fernsehen. Er meinte, dass er im Krieg gegen die Ukraine an der Front gebraucht würde. Am Ende war er dann gerade mal sechs Tage im Kriegseinsatz.

Wladimir Natalia"Er sah ständig fern - von morgens bis abends und sogar nachts. Von Beginn der speziellen Militäroperation an war er besorgt, dass dort Menschen starben, dass die Verteidigung des Vaterlandes ohne ihn stattfand", erinnert sich Natalia. "Er war sich sicher, dass der Krieg zu Ende gehen würde, wenn er selbst an die Front ginge. Ich sagte ihm: Du solltest weniger fernsehen, dort werden dir viele Märchen erzählt. Wir stritten uns, bis hin zum Fluchen."

Wladimir Vogel entschied sich, in den Krieg zu ziehen. Alle hatten ihm abgeraten, die Lebensgefährtin, die Verwandtschaft und die Arbeitskollegen. Er unterschrieb trotzdem einen Vertrag für ein Jahr beim russischen Militär. Danach heiratete er noch schnell Natalia, kaufte eine Fahrkarte von Tomsk nach Kemerowo, wo die Ausbildung stattfand, und reiste am 5. April 24 ab. Von seiner militärischen Ausbildung her hatte Wladimir Vogel nur die sowjetische Armee hinter sich (laut Natalia war er ein Oberfeldwebel) und Erfahrung als Wachmann.

Natalia telefonierte danach öfters mit ihrem Mann, der ihr erzählte, dass im militärischen Trainingslager gar keine richtige Ausbildung stattfand. Er blieb dort nur vier Tage, danach ging es ab nach Luhansk in die Ukraine.

"Er erzählte mir, dass er in diesen zwei Tagen nur ein Maschinengewehr und einen Flammenwerfer abfeuerte, eine Mine räumte und in einem schweren Schutzanzug herumlief", erinnert sich Natalia. "Am 19. April rief mich mein Mann aus Luhansk an und teilte mir mit, dass sie packen würden. Sie würden verschickt. Er wisse nicht, wohin. Sobald er ankomme, würde er eine ukrainische SIM-Karte kaufen und mich anrufen. Aber er hat mich nicht angerufen."

Wladimir Vogel Am 21. April kam noch ein kurzer Anruf von Wladimir von einer fremden Nummer. Das Gespräch wurde unterbrochen, beim Rückruf meldete sich niemand mehr unter dieser Nummer.  Später erzählte ein Kamerad von Wladimir, dass dieser schwer verletzt worden wäre. Natalja verbrachte 24 Stunden damit, verschiedene Krankenhäuser anzurufen und Informationen einzuholen, um ihren Mann zu finden. Und schließlich fand sie ihn:  "Am 1. Mai konnte ich herausfinden, dass er im Wischnewski-Krankenhaus in Moskau lag und an einem Beatmungsgerät hing. Gleich am nächsten Tag flog ich dorthin."

So erfuhr Natalia, dass ihr Mann am 25. April verwundet wurde. Am 26. brachten sie ihn ins Krankenhaus. Nach Angaben des Arztes war er bereits bewusstlos, zeigte keine Lebenszeichen und verlor viel Blut.  Er würde die Verletzungen nicht überleben.

"Der Arzt sagte, es gäbe keinen Grund für mich, in Moskau zu bleiben: 'Gehen Sie nach Hause und machen Sie sich fertig'. Am 4. Mai flog ich nach Tomsk, und am 5. Mai, zu Ostern, erhielt ich einen Anruf: 'So ein schöner Feiertag, es tut mir leid, aber Ihr Mann ist verstorben'. Er wurde zusammen mit seinen Papieren in das Burdenko-Krankenhaus gebracht. Und man sagte mir, dass die Militäreinheit weitere Probleme mit der Überführung des Leichnams und der Beerdigung lösen würde", sagte Natalia.

Die Militärbürokratie war dann die nächste Hürde für Natalia, niemand interessierte sich dafür, die sterblichen Überreste von Wladimir heim ins Dorf zu überführen.

"Der Personalreferent im militärischen Rekrutierungszentrum sagte, dass mein Mann in ihren Listen überhaupt nicht aufgeführt ist. Und wenn ich die Hotline der Militäreinheit anrufe, sagt man mir, dass er zwar auf der Liste steht, aber als vermisst gilt. Was meinen Sie mit "vermisst"? Ich bin seine Frau, ich habe ihn identifiziert, er liegt in der Leichenhalle, und niemand hört mir zu. Ich habe bei der Militärstaatsanwaltschaft der Region Tomsk angerufen, jetzt haben meine Tochter und ich eine Beschwerde an den Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses, Alexander Bastrykin, geschrieben, und ich habe an Putin geschrieben."

 Irgendwie hat der Sarg mit Wladimir doch noch die Heimreise geschafft. Luftlinie sind das immerhin 2.800 km von Moskau nach Tomsk in Sibirien. Und Natalia hat gebeten, ihre Geschichte öffentlich zu machen.


 Das Interview mit Natalia stammt von Nemoskwa