
Vorausgeschickt - seit Beginn des russischen Angriffskrieges ermitteln wir die russischen Kriegstoten aus offenen Quellen. Wir machen das ohne Werbung, ohne Unterstützung von außen, sind politisch ungebunden und tragen die erheblichen Kosten selbst. Wir erstellen alle Informationen nach bestem Wissen und Gewissen.
Im Monat September 2025 haben wir die höchste Anzahl an russischen Kriegstoten seit Beginn des Krieges in einem Monat erfasst - insgesamt 8.626 gefallene Soldaten. Und nach vorsichtiger Schätzung werden es im Monat Oktober nicht weniger werden - kein Grund für die russische Regierung, den Krieg und das Opfern der vielen eigenen Soldaten zu beenden.
Im Moment verlieren wir den Wettlauf mit den vielen Kriegsopfern. So wie es aussieht, werden wir unseren Rückstand in der Auswertung (nicht der Erfassung) nicht aufholen können.
Die reinigende Kraft des Krieges
Einer der Gründe, warum es so wenig Widerstand in der russischen Bevölkerung gegen den Krieg mit seinen vielen russischen Kriegsopfern gibt, dürfte der soziale Status der meisten Kriegstoten sein. Es sind meist Freiwillige, deren Leben gescheitert ist und die hoffen, mit dem vielen Geld, das sie für den Kriegsdienst bekommen, wieder zurück in die Gesellschaft zu finden. Das Mitleid mit ihrem Tod hält sich in Grenzen.
Vor dem ersten Weltkrieg waren viele deutsche Intellektuelle vom Kriegsausbruch begeistert.
Sie sahen in ihm nicht das Ende oder den Untergang, sondern die Veränderung, den Aufbruch in eine neue, bessere Welt, frei von Dekadenz, Utilitarismus und Entfremdung. Die Vorkriegswelt erschien ihnen unwahrhaftig, scheinheilig, geprägt von Materialismus und einer die Wirklichkeit entstellenden Moral. Sie wandten sich gegen Saturiertheit und Rationalismus und kämpften gegen eine Zivilisation, die angeblich alles Natürliche und Echte im Keim erstickte.
Ganz so pathetisch klingt die russische Einstellung der Bevölkerung zu jenem Angriffskrieg nicht. Im Vordergrund stehen die Schmach des Untergangs des Sowjetreichs und die Wiedererlangung imperialer Größe. Dass dafür Menschen sterben, ist natürlich traurig, aber nicht zu ändern. Das formulieren eine Vielzahl von Nachrufen mit beinahe gleichlautenden Formulierungen.
Und zum anderen wird nach Meinung vieler Bürger die russische Gesellschaft von all den "unsozialen" Gevattern gereinigt, die später an der Front in selbstmörderischen Angriffen verheizt werden. Wer vergießt schon eine Träne, wenn Mörder, Vergewaltiger, Betrüger, Päderasten und Diebe getötet werden? Wenn die Städte und Dörfer von all den Außenseitern wie Alkoholiker, Drogenabhängigen, Bettlern, notorisch Arbeitslosen und Kleinkriminellen gereinigt werden? Oder wenn die geächteten Schwulen, HIV- oder chronisch Hepatiskranken an der Front entsorgt werden?
Das russische Exilmedium "Verstka" schrieb dazu im März 2025:
In der Region Iwanowo entführen Unbekannte Anwohner und zwingen sie, Verträge zu unterzeichnen und in den Krieg zu ziehen. Angehörige der Vermissten berichteten Verstka, die Männer seien Alkoholiker gewesen, hätten Gelegenheitsjobs gehabt und seien in einem schlechten Gesundheitszustand gewesen. Ihre Angehörigen glauben, die Entführer hätten gezielt nach „benachteiligten“ Dorfbewohnern gesucht – und die örtlichen Behörden hätten bei der Erstellung von Listen solcher Männer geholfen.
Kommen wir zur nächsten Gruppe der russischen Freiwilligen - der hoch verschuldeten und wirtschaftlich gescheiterten Menschen. Auf Grund der hohen Zinsen der Banken nach Ausbruch des Krieges, können viele russische Familien ihre Schulden nicht mehr bedienen. Freiwillige, die sich für mindestens ein Jahr verpflichten, bekommen einen Erlass ihrer Schulden bis zur Höhe von zehn Millionen Rubel.
Eine Polizeikommissarin aus der Region Irkutsk sagt:
„Wer arbeiten will, geht in andere Regionen, wo die Gehälter höher sind, und fast alle Alkoholiker aus der Gegend wurden bereits (an die Front, Redaktion) abtransportiert. Sie sind meist älter und problematisch.. Es gibt nur einen Grund [für die Vertragsunterzeichnung /Redaktion]: Geld. Andere Motive gibt es nicht. Vor Vertragsunterzeichnung werden nur Fragen zur Höhe der Auszahlung und zu den Sozialleistungen gestellt. Auch nach Wartelisten für Kindergärten, der Zulassung zur Universität und Brennholz wird gefragt. Am häufigsten wird aber nach Kreditstundungen und dem Erlass überfälliger Schulden gefragt. Unser Hauptlieferant für Vertragssoldaten ist der Gerichtsvollzieherdienst.“
Bleibt noch die Gruppe der älteren, meist abgearbeiteten Männer. Ljudmilla eine Frau aus Jekaterinburg bekam den Auftrag, das Militärkommissariat dort aufzusuchen:
„Ich ging zum Militärkommissariat, dort war nur ein Mann – er sah aus, als wäre er etwa 70 Jahre alt. Er fragte, ob man auch Leute über 60 aufnimmt. Nun, sie haben ihn aufgenommen. Ich hätte mich fast verschluckt, als ich die fröhliche Stimme der jungen Frau hörte, die ihm von den allgemeinen und kommunalen Zahlungen erzählte. Nun, sie hat ihm wirklich den Preis für sein Leben genannt. Dieser alte Mann, Gott gebe, dass er überhaupt lebend an die Front kommt. Einerseits tut er mir leid – er hat offensichtlich den Rest seines Lebens verkauft, damit seine Familie etwas zum Leben bekommt. Anscheinend ist die finanzielle Situation dort schrecklich. Andererseits – warum sollte man ihn bemitleiden, er hat sich selbst dafür entschieden. Aber wirklich, so ein Trottel, kein Großvater, sondern einfach ein alter Mann."


