Es ist 13:00 h am 10. Oktober 2025 - wir befinden uns bei einer Beisetzung auf dem Friedhof der Kleinstadt Melenki in der russischen Oblast Wladimir. Die Stadt liegt etwa 150 km südöstlich der Hauptstadt Wladimir und hat auch schon bessere Tage gesehen. In Zeiten der Perestroika hatte Meleniki noch über 18.000 Einwohner, im Jahr 2021 zählte man noch 13.400 Bewohner.
Begraben wird mit militärischen Ehren der Soldat Rustam Raufowitsch Potapow, der im Krieg gegen die Ukraine getötet wurde.
Zum Begräbnis waren wenige Honoratioren der Stadt erschienen - Zitate:
Die stellvertretende Leiterin der Verwaltung des Stadtbezirks Melenkovsky für Sozialpolitik, S.A. Suslowa, drückte im Namen der Verwaltung des Stadtbezirks Melenkovsky ihr Beileid aus und sprach den Angehörigen des Soldaten unterstützende Worte aus.
Der Militärkommissar des Melenkowski-Bezirks, M. V. Uzokin, lobte die mutige Entscheidung, die Tapferkeit und den kompromisslosen Widerstand des Soldaten gegen den Faschismus und sprach seiner Familie im Namen des russischen Verteidigungsministeriums und der Militärkommissariate des Melenkowski-Bezirks und der Region Wladimir sein Beileid aus.
Die örtliche Zeitung „Kommunar" schrieb:
Rustam traf eine verantwortungsvolle Entscheidung, das Vaterland zu verteidigen und ging an die Front.
Rustam war ein etwas moppeliger junger Mann, dessen VKontakte-Status wenig hergibt. Wir wissen also nicht, warum er sich entschloss, ganz ohne militärische Ausbildung, in den Krieg gegen die Ukraine zu ziehen. Aber wir können die Zeitabfolge bis zu seinem Tod nachvollziehen:
- 09.November 2024 - Rustam wird 18 Jahre alt
- 12. November 2024 - Rustam hat einen Vertrag mit dem russischen Militär abgeschlossen und findet sich am Sammelpunkt im Stadtbezirk Moskau (Dorf Rogowo) ein.
- Die Fahrt geht in ein Trainingszentrum auf dem russisch besetzten Gebiet der Stadt Luhansk
- 13. Dezember 2024 - Rustam wird bei einem Angriff auf das Dorf Makejewka getötet.
Rustam hat folglich keine verantwortliche Entscheidung getroffen, sondern eine ziemlich dumme und war 34 Tage nach seinem 18. Geburtstag tot.
Das Befremdliche am Ablauf dieser Geschichte ist - niemand hatte die Idee, diesen jungen Menschen von seinem selbstmörderischen Vorhaben abzubringen: Nicht seine Familie, nicht der Militärkommissar bei der Vertragsunterzeichnung und nicht die Kommandanten an der Front. Letztere verheizten ihn wie alle anderen Freiwilligen auch.
Und bei all den zahlreichen Veröffentlichungen zum Tod von Rustam gab es keine kritischen Stimmen, wie so etwas mit einem unreifen Bengel ganz ohne Lebenserfahrung passieren konnte. Alle sangen den selben falschen Ton vom heldenhaften Verteidiger des Vaterlandes (Beispiele 1, 2, 3).
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