Medweschje See

Medweschje See im Tofalarija Naturreservat  -- Foto: Olegjihc -- Lizenz: CC BY-SA 4.0

Wir befinden uns im Bezirk Nischneudinsk im Westen der Oblast Irkutsk. Das Gebirge auf dem Foto ist der Ostsajan, den man meist nur per Hubschrauber erreichen kann. In diesem völlig abgelegen Teil Russlands lebt das Volk Tofalaren, von dem gerade mal noch 800 Menschen existieren. 

Die Tofalaren sind eine turksprachige Ethnie, die früher nomadisch gelebt hat und die durch andere Ethnien in das abgelegene Gebiet im Ostsayan abgedrängt wurde. Die Tofalaren lebten von der Rentierzucht und von der Jagd. Die Zivilisation bescherte ihnen sinkende Lebenserwartung, hohe Kindersterblichkeit, hohe Arbeitslosigkeit und ein schnelles Sinken des natürlichen Bevölkerungswachstums.

Mit Andrej Choljamojew stellt das Volk der Tofalaren jetzt auch den jüngsten Kriegstoten aller Völker rund um den Baikalsee.

Andrej Choljamojew Über Andrej Choljamojew (Foto rechts & unten links) wissen wir nur wenig. Er wurde am 2. August 2007 geboren und stammte aus dem Dorf Werchnjaja Gutara mit rund 300 Bewohnern in Tofolaria im Bezirk Nischneudinsk. Das Baikal-Journal schreibt dazu:

Eine Studie des Ethnografen Viktor Kriwonogow aus dem Jahr 2016 über die Tofalaren erwähnt die letzten Rentierzüchter dieser Gegend – die Brüder Choljamojew aus Werchnjaja Gutara. Offenbar gehörte der Verstorbene dieser Familie an.
In seiner Studie gibt Kriwonogow auch die genaue Anzahl der Tofalar im ethnischen Gebiet im Jahr 2015 an: 663. Davon waren nur 69 Kinder im Alter von 5 bis 9 Jahren. Andrej Choljamojew war zum Zeitpunkt der Studie 8 Jahre alt.

Mit 13 Jahren war Andrej verliebt und richtete dafür eine VKontakte-Seite ein, die er aber danach nicht mehr bediente.

Laut dem Nachruf meldete sich der Gefreite Andrej Choljamojew freiwillig zum Kriegsdienst und unterzeichnete einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium. Er diente als Schütze und Pionier in der Angriffstruppe der Sturmkompanie. 

Menschenrechtsaktivisten berichten jedoch, dass Choljamojew ein sogenannter „Halbzeitsoldat“ war – ein Wehrpflichtiger, der zum Unterschreiben eines Vertrags gezwungen wurde.

Dazu passt allerdings nicht die Suchanfrage vom 27. November 25 von seiner Schwester oder seinem Bruder, die eher impliziert, dass er sich freiwillig gemeldet hatte*. 

Ich suche meinen Bruder Andrej Pawlowitsch Choljamjew, geboren am 2. August 2007, der am 13. September 2025 in die Reserve (B/Z) eingezogen wurde. Er ist seit dem 21. September 2025 offiziell Unteroffizier der Einheit 06017, Rufzeichen Tofalar, Regiment 336, Bataillon 3. Jede Information ist wichtig, bitte antwortet allen, schreibt mir eine private Nachricht.

Andrej Choljamojew Die Beisetzung von Andrej Choljamojew fand am 8. Januar 2026 in Nischneudinsk statt. Er war drei Monate vor der Beisetzung, am 21. September 2025, an der Front in der Ukraine gefallen, in einem Krieg, der definitiv nicht seiner war. Andrej war der jüngste Gefallene des Krieges in den Regionen rund um den Baikalsee - also Burjatien und Irkutsk. Er lebte 18 Jahre und 49 Tage.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat das Jahr 2026 zum Jahr der Einheit der Völker Russlands erklärt. Im November letzten Jahres schlug er auf der Sitzung des Rates für interethnische Beziehungen vor, das Jahr 2026 dem Thema der russischen Einheit zu widmen. Ende Dezember unterzeichnete er ein entsprechendes Dekret.

Für diese Einheit dürfen  bevorzugt Tuwiner, Tschuktschen, Burjaten (in Burjatien, Transbaikalien und Irkutsk), Altaier, Nenzen, Ewenen, Korjaken, Jakuten, Chakassen, Tataren und Baschkiren im Krieg gegen die Ukraine sterben, wie unsere Statistiken ausführlich zeigen. Jetzt gehört auch ein Tofalare dazu.


*Anmerkung: In der Regel werden junge Wehrpflichtige langsam bearbeitet, einen Zeitvertrag abzuschließen. Dafür ist allerdings bei Andrej die Zeit zu kurz. Die Freiwilligen dagegen bekommen nach dem Vertragsabschluss eine sieben- bis zehntägige militärische Ausbildung und werden danach an die Front geworfen. Das würde eher auf die Suchanfrage passen.

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