Tausende Transportunternehmen in Russland stehen vor der Liquidation

Russische Fernfahrer

Russische Fernfahrer

Etwa 7.000 Transportunternehmen befanden sich im Jahr 2025 in der Liquidation oder Insolvenz. Aufgrund gestiegener Kraftstoffpreise und Leasingzahlungen, gestiegener Wartungskosten für Fahrzeuge, hoher Leitzinsen sowie gestiegener Abwrackprämien geben Spediteure mehr aus, als sie verdienen, sodass Transporte unrentabel werden. Darüber hinaus sagen Experten, dass sich auch der allgemeine Rückgang der Industrie auf den Transport auswirkt.

Dieselkraftstoff kostet fast so viel wie Benzin

Oleg (der Name dieses und anderer Gesprächspartner der Redaktion wurde aus Sicherheitsgründen geändert) aus der Region Kirov gibt zu, dass er seine beiden Lkw stillgelegt hat, und fügt hinzu, dass viele Lkw-Besitzer dies ebenfalls getan haben.

„In letzter Zeit ist es einfach unmöglich geworden zu arbeiten. Der Preis für Dieselkraftstoff ist explodiert – er kostet jetzt fast so viel wie Benzin. Und es wurden Straßenwaagen installiert, die man überhaupt nicht umgehen kann, sonst drohen hohe Strafen. „Platon“ (eine Gebühr, die erhoben wird, um die Halter von  Fahrzeugen über zwölf Tonnen Ladung für Straßenschäden zur Kasse zu bitten) wird ebenfalls teurer. Wem das nützt, weiß ich nicht. Auch Ersatzteile sind teurer geworden, und man muss zwei Monate warten, bis sie geliefert werden. Das alles lohnt sich einfach nicht mehr.“.

Kleine Speditionsunternehmen gehen massenhaft in Konkurs. Leasinggesellschaften verzeihen keinen Zahlungsverzug und kaufen stillgelegte Lkw zum halben Preis oder sogar zu einem Drittel des Preises auf, das beklagt eine Gruppe namens „Fernverkehr – mein Leben”. Die überlebenden Unternehmen arbeiten demnach „für Essen und Diesel". Man warte ansonsten daruf, dass sich die Situation verbessere. Aber allem Anschein nach hat die Krise ihren Höhepunkt noch nicht erreicht.

„Uns Spediteuren hat man in den Arsch getreten, genau wie ganz Russland“, schreibt ein Fahrer in einem Kommentar. Viele erinnern sich daran, dass sie früher bis nach Finnland gefahren sind, wie ihnen ganz Europa offenstand, und sie träumen davon, dass diese Zeiten wiederkommen.

Oleg sagt: „Es gibt zu viele von uns, deshalb machen Firmen dicht. Früher gab es wenige Spediteure und viel Fracht, jetzt ist es umgekehrt. Natürlich gibt es die Möglichkeit, die Fahrzeuge zu verkaufen, aber heute ist es sehr schwierig, einen Käufer zu finden.“

Der Ökonom Evgeny (Name geändert) erklärt den Rückgang des Liefervolumens mit der allgemeinen Konjunkturschwäche: Die Kosten steigen, die Gewinne sinken, die Unternehmen produzieren weniger, und die Nachfrage nach Transportleistungen geht drastisch zurück.

„Einerseits steigen die Kraftstoffpreise, andererseits die Steuern. Diese beiden gegenläufigen Trends führen zu Insolvenzen und Unrentabilität. Dabei haben verschiedene Unternehmen unterschiedliche Probleme“, sagt der Experte. „Zum Beispiel stehen die Inhaber von Muldenkippern, die Baumaterial transportieren, schon seit Jahren im Konflikt mit ihren Kunden. Bauunternehmer und Steinbruchbesitzer zwingen die Fahrer zu Überladungen, um die Anzahl der Fahrten zu reduzieren. Sie sagen: ,Fahrt ruhig zehnmal hin und her, wir bezahlen nur für eine Fahrt.' Wenn Kosten weiter gesenkt werden sollen, dann wird die ganze Ladung transportiert auf einmal transportiert."

Was diese Vorgehensweise für die Lkw-Besitzer bedeutet, erklärt der Präsident des Nationalen Verbandes für Güterkraftverkehr „Gruzavtortrans“, Vladimir Matyagin, so: „Überladung verschleißt die Reifen und andere Fahrzeugteile stark. All dies erhöht die Kosten erheblich. So verschließen Reifenbei bei Überladung innerhalb von zwei bis drei Monaten, während sie bei normaler Beladung jahrelang halten. Und ein Reifen kostet etwa 100.000 Rubel.“ Bei Überladung erhöht sich auch der Verschleiß anderer Fahrzeugteile. Außerdem riskieren die Fahrer hohe Geldstrafen.

„Die Strafen wurden jetzt auf 600.000 Rubel erhöht, das Risiko ist zu groß, um noch Schotter und Sand für den Bau zu transportieren. Und auch die Bauwirtschaft selbst schrumpft, sie vergibt nur noch wenige Transportaufträge", sagt Evgeny.

Er weiß: Im Transportwesen hängt alles miteinander zusammen. Der Güterverkehr auf der Schiene ist zurückgegangen, es werden deshalb weniger Lkw benötigt, um die Eisenbahn zu beliefern..

„Das ist ganz normal, alle Märkte entwickeln sich sinusförmig. Bei Eiern gibt es zum Beispiel das gleiche Problem. Im Jahr 2023 gab es einen Eiermangel, die Preise stiegen um das Dreifache, und viele kleine Geflügelfarmen kauften Ausrüstung, expandierten, es kam zu einer Überproduktion, die Preise fielen und sie gingen bankrott. Zu dieser Zeit erzielten die Spediteure enorme Gewinne, sie gingen davon aus, dass dies immer so bleiben würde, und kauften chinesische Lkw. Jetzt, da die Wirtschaft schrumpft, ist die Nachfrage zurückgegangen und die Lkw stehen still."

Wladimir Matjagin ist der Meinung, dass das Problem nicht nur die stillgtelegten Lastwagen sind, sondern auch in der Konkurrenz durch chinesische Transportunternehmen.

„Wir dürfen Fracht aus China nur innerhalb der Grenzzone, also nicht weiter als 50 Kilometer im Landesinneren, abholen, während die Chinesen Fracht aus China problemlos bis nach Moskau transportieren können. Und sie fahren frei durch ganz Russland – sie bringen Fracht nach Moskau und nehmen auf dem Rückweg Zuladung nach Nowosibirsk oder Irkutsk für 3 Kopeken mit. Sie nehmen uns unsere Arbeit weg.“

LKW-Parkplatz in Russland

Militärische Störsender beeinträchtigen auch Platon

Sergej (Name geändert) fährt seit 1998 Lkw, seit 2010 Schwertransporte. Derzeit arbeitet er für eine Firma in St. Petersburg und transportiert Güter im Nordwesten Russlands. Die Firma ist klein: fünf Schwertransporter und mehrere „Gazellen“ für den Stadtverkehr. Sergej verdient etwa 150.000 Rubel im Monat, muss aber, wie er sagt, „oft zwei Wochen lang ohne freien Tag arbeiten“.

In letzter Zeit hat er ein neues Problem – die Abschaltung des Internets in der Region aufgrund des Kampfes gegen Drohnen.

"Diese Störsender wirken sich auch auf ,Platon' aus. Ich habe zum Beispiel in diesem Jahr ,Platon'-Strafen in Höhe von 30.000 Rubel aufgebrummt bekommen. Man bekommt einfach eine Strafe, angeblich weil man die ,Platon'-Gebühr unterwegs nicht bezahlt hat, obwohl es bezahlt ist. Und das, obwohl ,Platon' schon seit 10 Jahren existiert und die Straßen dadurch nicht besser geworden sind. Das ist einfach Abzocke."

Jetzt soll „Platon“ ausgeweitet werden, so dass auch auf regionalen Straßen Mautgebühren anfallen.

„Das hilft den Straßen nicht, sondern bringt nur zusätzliche Abgaben. Dabei zahlen wir schon eine nicht unerhebliche Verkehrssteuer. Diesel kostet so viel wie 95-Oktan-Benzin, wenn nicht sogar mehr. Die Verbrauchsteuern auf Kraftstoff, die Strafen – all das sollte eigentlich in den Straßenbau fließen, aber dann verstehe ich nicht, wofür ,Platon'gut sein soll“, sagt Sergej. Seine Firma stellt Folien und Verpackungsmaterialien her, sie transportiert Rohstoffe zum Unternehmen und Produkte zu den Verbrauchern.

„Im Februar 2025 sind die Liefergebühren um fast ein Drittel gesunken. Die Transportkosten hingegen sind um 15 Prozent gestiegen. Kraftstoff ist sehr teuer geworden, und dazu kommen noch die Sanktionen – das heißt, die Preise für Ersatzteile, Wartung, Reparaturen und Unterhalt der Fahrzeuge sind ebenfalls gestiegen. Die Mautgebühren sind teurer geworden."

Sergej beklagt sich auch über andere Abgaben.

„Nehmen wir zum Beispiel den Tachografen, den Fahrtenschreiber. Es gibt solche russischer Bauart und europäische. Nehmen wir an, das Fahrzeug wurde aus Europa importiert, dann müssen wir dennoch russische Fahrtenschreiber für 50.000 Rubel einbauen und sie alle drei Jahre zu kalibrieren lassen. Auch das kostet Geld. Der Inspektor verlangt dann einen Ausdruck, um festzustellen: ,Sie sind also fünf bis zehn Kilometer zu viel gefahren, ohne sich auszuruhen.' In der Region Moskau gibt es nur wenige Parkplätze. Warum sollte ich neun Stunden am Straßenrand stehen und darauf warten, dass mein Fahrzeug gestohlen wird oder jemand dagegen fährt? Ich muss zu einem Parkplatz fahren, wo es ein Café und irgendwelche Annehmlichkeiten gibt."

Deshalb, so erklärt Sergej, müsse er zuweilen die Arbeits- und Ruhezeiten verletzen, was der Fahrtenschreiber natürlich aufzeichne und was zu erheblichen Strafen führe.

„Aber das Schlimmste für die Fahrer sind die Gewichts- und Größenbegrenzungen. Ein Überwachungsgerät erfasst während der Fahrt das Gewicht des Fahrzeugs. Es gibt Abmessungsnormen, so dürfen bestimkmte Lastzüge nicht mehr als 20 Meter lang, vier Meter hoch und 2,5 Meter breit sein. Bei Abweichungen werden automatisch Strafen verhängt, gegen die man machtlos ist. Sie können bis zu einer halben Million Rubel betragen. Kürzlich hat ein Gerät in der Region Jaroslawl bei meinem Lkw angeblich eine Abweichung von 18 Zentimetern festgestellt, mir wurde eine Strafe von 300.000 Rubel angedroht, mit einem Rabatt sollte sie noch 225.0000 betragen."

Russia Trucks on the road

Lastwagenkolonne auf russischer Straße -- Foto: High Contrast -- Lizenz: CCA 2.0

Die Krise im Transportwesen wird sich nur noch verschärfen, meint der Ökonom Jewgeny.

„Vor zehn Jahren spielten sich 90 Prozent des Frachtmarktes in einer Schattenwirtschaft ab, die Güter wurden von Einzelunternehmern transportiert, die illegal arbeiteten. Und jetzt wird es wieder genauso kommen. Es waren Unmengen an Fahrzeugen gekauft worden, mit denen die Einzelunternehmer nun etwas anfangen müssen. Und da es für alle unrentabel ist, Steuern zu zahlen, insbesondere die Mehrwertsteuer, werden sie illegale Abmachungen mit den großen Speditionen eingehen. Insgesamt wird der graue Sektor überall zunehmen – sowohl in der Industrie, also bei den Auftraggebern, als auch bei den Transportunternehmen selbst. Die Schattenwirtschaft in Russland wird wachsen."


Mit freundlicher Genehmigung durch oknopress. Dieser Beitrag ist eine Übersetzung des Originalbeitrags  vom 16.01.2026: «Работаем за еду и солярку». Тысячи компаний грузоперевозчиков в России на стадии ликвидации


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