KIU Studentenrat

Studentenrat der Kasaner Innovationsuniversität (KIU)

Russland hat im Moment Probleme mit der Rekrutierung neuer Zeitsoldaten. Jeden Monat müssen 30.000 bis 35.000 neue Soldaten akquiriert werden, um die Verluste an verletzten und getöteten Soldaten auszugleichen. 

Zudem hat das bisherige System der Anwerbung ein schwerwiegendes Problem - die verpflichteten Soldaten gehören nicht gerade zum Bild eines gut trainierten und motivierten Soldaten, sondern sind häufig zu alt, mit bescheidener Gesundheit und Physis und wollen meist nur irgendwie dem schnellen Tod entgehen.

An einer staatlichen Fachhochschule in Kasan, der Hauptstadt von Tatarstan, wurde Anfang des Jahres 2026 ein neues System der Rekrutierung versucht. Alle Studenten der Abschlussklassen, die älter als 18 Jahre alt waren, wurden einfach exmatrikuliert, egal ob säumige oder durchgefallene Studenten, egal ob Prüfungen und Arbeiten noch offen waren. Denn aktuell braucht die Armee junge Kämpfer - Wiederholungskurse, Abschlussarbeiten und Prüfungen könnten nach dem Ende des Krieges nachgeholt werden.

Die Kasaner Innovationsuniversität ist eine noch junge Fachhochschule in der russischen Teilrepublik Tatarstan. Sie wurde im Jahr 1994 gegründet und ist von Deutschland aus gesehen, eine Mischung aus Fachabitur und Fachhochschule. Die Schule wurde vom Staat gegründet, wird aber privat geführt und gehört zu den besser bewerteten Bildungseinrichtungen in Russland. Die Studiengebühren betragen etwa 500 € pro Semester.

Die Schüler/Studenten sind meist noch nicht volljährig und beenden die Schule mit einem Abschluss in der Regel mit 19 Jahren. Scheidet ein Student aus, egal ob mit Abschluss oder nicht, muss die Schule dies dem Wehramt melden. Die jungen Leute müssen danach mit einer Einberufung zum Wehrdienst rechnen.

Aus den Studenten, die man nicht mehr als Studenten bezeichnen kann – also aus euch – wird eine neue Armee geschaffen.

Die Studenten der Innovationsuniversität Kasan wurden ohne Angabe von Gründen zu einer Versammlung einbestellt. Dort verkündete die Direktorin Julia Chadiullina (Foto rechts), dass sie „alle bereits exmatrikuliert“ worden seien. Sie erklärte den Studenten, dass die offiziellen Fristen abgelaufen wären, ihr Vertrauen in ihre Leistungen überstrapaziert wäre und alle deshalb von der Universität ausgeschlossen werden.

„Die Diskussion wird sich darum drehen, dass unser Land derzeit in eine militärische Sonderoperation verwickelt ist. Das Land braucht dringend Soldaten. Nur 18-jährige sind wehrpflichtig. Daher wird aus den Studenten, die nicht mehr als Studenten gelten können – also aus euch – eine neue Armee gebildet,“ verkündete die Direktorin.

Jeder von euch hat unsere Warnungen ignoriert. Und es tut mir überhaupt nicht leid, dass jeder von euch exmatrikuliert wird. Aber jeder von euch hat Chancen. Das Land glaubt an euch.

Einige Studenten sagten Chadiullina bei der Veranstaltung, sie hätten noch Zeit, Prüfungen nachzuholen, doch sie antwortete, sie stehe zu ihrer Aussage. Viele Studenten bei dem Treffen hätten nur in einem Fach noch offene Prüfungen. Chadiullina erklärte außerdem, dass auch diejenigen, die keine ausstehenden Prüfungen hätten, befragt würden, allerdings in einem anderen Ton:

„Mit ihnen wird über ihre Pflicht gegenüber ihrem Land und ihre freiwillige Zustimmung oder Ablehnung gesprochen.“ „Wir sprechen jetzt anders mit Ihnen, denn Ihr Studium ist vorbei.“

Praktischerweise wurde zu der Versammlung ein Vertreter des Wehrdienst- und Rekrutierungsamtes in den Hörsaal eingeladen, der über die Chancen und Möglichkeiten eines Vertragsdienstes mit dem russischen Militär referierte. Bei der Versammlung stellte er sich als Andrej aus Jeisk (Oblast Krasnodar) vor und bot den „exmatrikulierten“ Studenten die Möglichkeit an, einen Vertrag mit dem russischen Militär abzuschließen, um anschließend wieder durch die Hochschule aufgenommen zu werden.

„Glauben Sie nicht, wir reisen durch Städte, Regionen und Republiken und bieten jungen Männern die Chance, in den Krieg zu ziehen und dort zu sterben . Aus irgendeinem Grund denken alle Eltern, wenn ihr Sohn zur Armee geht – nicht zum Wehrdienst, sondern zum freiwilligen Dienst –, dass ihr Sohn sterben wird, was bedeutet, dass wir ihnen ihren Sohn weggenommen haben und dass wir so verabscheuungswürdig sind. Aber das stimmt nicht.“

Andrej versprach den Studenten, dass sie sich „nicht im Stich gelassen oder unerwünscht fühlen“ würden. Er gab auch zu, dass er das Wort „Verträge“ nicht erwähnen könne, da es ihm „Angst einjage“, und bezeichnete den Dienst in der Einheit daher als „Alternative“. Andrei versicherte den Studenten außerdem, dass sie ihre Einheit in Jeisk nicht verlassen würden. Nach seiner Rede sagte Direktorin Chadiullina: „Wir schicken niemanden zur Speziellen Militäroperation.“

Ein anderer Offizier informierte die Studenten über die Drohnenstaffel und schlug ihnen vor, sich den Drohnenpiloten anzuschließen. Eine solche Truppe müsse „so schnell wie möglich“ aufgebaut werden, und man brauche „frische Köpfe“ mit Computerkenntnissen. Er versprach den Studenten einen „Sondervertrag“ für ein Jahr und dass sie nicht „in die entlegensten Winkel der Welt“ geschickt würden.

Die Veranstaltung dauerte etwa eineinhalb Stunden, in denen niemand den Saal verlassen durfte.

Solche Veranstaltungen in Russlands weiterführenden Schulen und Hochschulen sind kein Einzelfall.  Es ist eine gezielte Kampagne, die sich an schwache Studenten, Studienabrecher und auch besonders leistungsfähige Studenten richtet. Unter unserer Rubrik „Kriegsbilder“ finden sich immer wieder junge Männer, die ihre Ausbildung abgebrochen haben, freiwillig oder unfreiwillig, und sofort einen Vertrag mit dem russischen Militär eingegangen sind. 

Berichte über ähnliche Veranstaltungen gibt es aus Nowosibirsk, Samara, Orenburg und Uljanowsk. Die Redaktion der Studentenzeitung „Groza“ berichtet von 41 Fällen der Anwerbung.

Wäre am Ende noch zu erwähnen, dass jene angebotenen Verträge so gut wie nichts bedeuten. Die Paragraphen 4 und 5 des Präsidialdekrets zur Mobilisierung machen jede Vereinbarung bis zum Ende der Mobilisierungsperiode unbefristet und das Gesetzt hebelt damit jeden Vertrag aus. Dazu kommt, dass es ein Auswahlverfahren gibt. Wer das nicht besteht, wird kein Drohnen-Pilot sondern beliebigen Armeeeinheiten zugeteilt - also auch den Sturmtruppen mit den höchsten Todesraten. Ein russischer Spezialanwalt für Menschenrechte schätzt, dass nur 10% dieser Rekruten es tatsächlich zum Drohnenpiloten schaffen.

Zudem sollte man sich keine Illusionen über die russische Studentenschaft machen. Viele Studenten unterstützen jene „Militärische Spezialoperation“ und stehen der russischen Politik positiv gegenüber. Das Foto der Studentenvertreter der Berufshochschule zeigt auch einige junge Leute in den Uniformhemden der Piloten.


Der Beitrag wurde auch mit Material der russischen Studentenzeitung „Groza“ erstellt, die eine Audio-Aufnahme der Veranstaltung in Kasan veröffentlicht hat.

-