
Vom Saulus zum Paulus?
Bisher war Ilja Remeslo, russischer Rechtsanwalt und Propagandist, ein treuer Anhänger des russischen Angriffskrieges und der Präsidentschaft von Wladimir Putin. Am 17. März 2026 veröffentlichte er auf seinem Telegram-Kanal eine schonungslose Kritik am Krieg gegen die Ukraine und am russischen Präsidenten. Die gesamte internationale Presse hat seine Stellungnahme aufgegriffen. Remeslo betonte zudem, dass sein Telegram-Kanal nicht gehackt worden wäre und dass er das wirklich so meine.
Zwei Tage später meldet die uns als seriös bekannte St. Petersburger Internetzeitung „Fontanka“, dass Ilja Remeslo in die psychiatrische Klinik „Skwortsowa-Stepanowa Nr. 3“ in St. Petersburg eingeliefert worden wäre. Eine durchaus gewöhnliche Praktik im totalitären Russland für kritische Stimmen, die man nicht gleich ins Gefängnis werfen will.
In der Krankenhauszentrale bestätigte man dem Korrespondenten von „Fontanka“, dass einem Patienten mit genau derselben exotischen Kombination aus Vor- und Nachnamen sowohl am Samstag als auch am Mittwoch ein Paket übergeben werden könne. Der Nummer der Abteilung nach zu urteilen, war Remeslo den Psychiatern bisher nicht aufgefallen.
Wir veröffentlichen den Text von Ilja Remeslo in deutscher Übersetzung.
Telegram-Kanal Ilja Remeslo am 17. März 2026
Fünf Gründe, warum ich aufgehört habe, Wladimir Putin zu unterstützen.
Jemand musste das mal sagen.
1. Der Krieg in der Ukraine.
Der Krieg, der als „Polizeieinsatz“ begann, hat bereits mindestens 1–2 Millionen Opfer gefordert.
Ich habe 2014 die Annexion der Krim unterstützt, gerade weil sie unblutig war. Uns allen schien es damals, als sei Putin der Einiger der russischen Länder. Und nun sind wir hier gelandet – blutige Angriffe, das unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Anlocken von Zeitsoldaten und vieles mehr, was euch jeder Teilnehmer der Sonderoperationen bestätigen wird. Ein absolut auswegloser Krieg, enorme Verluste, er könnte noch 5–10 Jahre andauern – sind Sie dazu bereit? Niemand ruft zum Krieg gegen Russland auf. Aber derzeit wird der Krieg ausschließlich wegen Putins Komplexen geführt; wir, die einfachen Bürger, haben nichts davon, sondern verlieren nur.
2. Enormer Schaden für die russische Wirtschaft und das Wohlergehen der Bürger.
Sanktionen, zerstörte Infrastruktureinrichtungen, der Verlust von Handelspartnern. Selbst nach offiziellen Statistiken sind das Billionen Dollar, mit denen wir Städte, Schulen und Kinderkrankenhäuser bauen und den Wohnungs- und Kommunalbereich komplett sanieren könnten. Aber gebaut werden hauptsächlich Paläste für den Präsidenten und seine Freunde. Schon vor dem Krieg gab es Probleme mit der Wirtschaft – in dem reichsten Land der Welt leben Dutzende Millionen Menschen in Armut. Die Machthaber sind so durchgedreht, dass sie den Menschen ihre Tiere wegnehmen, wie es kürzlich in Nowosibirsk geschah.
3. Die Unterdrückung der Freiheit des Internets und der Medien.
Ironischerweise war ich es, der Putin 2017 auf dem Medienforum der ONF eine Frage zur Entwicklung des Internets in Russland stellte. Putin antwortete mir damals, dass wir nicht den chinesischen Weg einschlagen würden – und log. Putin selbst nutzt das Internet nicht, was für ein Staatsoberhaupt beschämend ist.
Wir sehen, dass das mobile Internet selbst in den großen Städten Russlands nicht funktioniert. Alle westlichen sozialen Netzwerke und Messenger sind gesperrt. Telegram ist zu 80 % gesperrt, am 01.04. ist eine vollständige Sperrung geplant.
Das System ist so verrückt geworden, dass es sogar Telegram unterdrückt, das von den Teilnehmern der Sonderoperationen genutzt wird. Gleichzeitig werden die Menschen in den multinationalen Kirienko-Messenger „Max“ getrieben, wodurch ihnen das Recht auf medizinische Versorgung und Bildung entzogen wird.
4. Putins Amtszeit.
Putin ist 74 Jahre alt, er ist seit 1999 an der Macht, also bereits seit mehr als 26–27 Jahren. Und allem Anschein nach plant er, mindestens bis zum Alter von 150 Jahren auf dem Thron zu sitzen.
Bekanntlich verdirbt absolute Macht absolut – und wenn sie zudem noch unendlich ist? Selbst ein moralisch untadeliger Mensch würde in einer solchen Situation korrupt werden. Und Putin war nicht immer so, wie er jetzt ist; bis 2003 war es schwer, etwas an ihm auszusetzen – deshalb haben viele von uns ihn früher unterstützt. Aber alles hat seine Grenzen. Wir brauchen einen neuen, modernen Präsidenten.
5. Putin respektiert seine Wähler nicht und will ihnen nicht zuhören.
Schauen Sie sich irgendeine der letzten „Direktleitungen“ an – das ist ein einziger Zirkus! Der Präsident interessiert sich offen gesagt nicht für Innenpolitik und die Probleme der Wähler. Er liest schon lange keine Telegram-Kanäle mehr, unsere täglichen Empörungen sind ihm egal. Putin will endlose Kriege (an denen seine Kinder und Verwandten nicht teilnehmen), und nicht das Internet und hohe Gehälter.
Von der Opposition rede ich gar nicht erst – es gibt sie einfach nicht. Putin selbst hat all die 26 Jahre lang davon gesprochen, wie wichtig Kritik an der Regierung und eine Opposition sind.
Aber nennen Sie mir wenigstens einen Abgeordneten oder Aktivisten, der Putin kritisiert? Es gibt keine solchen, und diejenigen, die es versucht haben – sind entweder als ausländische Agenten eingestuft, im Ausland oder gar unter der Erde.
Putin fürchtet sich vor Debatten und ehrlichen Wahlen – denn dann würde sofort klar werden, dass der König nackt ist.
Fazit: Wladimir Putin ist kein legitimer Präsident. Wladimir Putin muss zurücktreten und als Kriegsverbrecher und Dieb vor Gericht gestellt werden.
Es lebe die Freiheit, verdammt noch mal!
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