Könnten wir mit unserer Berichterstattung über den russischen Angriffskrieg noch einmal von vorne beginnen - also zum Anfang des Krieges zurückspringen, dann würden wir eine extra Rubrik für Waisen eröffnen. Wir wissen nicht, wie viele Waisen auf russischer Seite gefallen sind, aber es sind sehr viele. In den Waisenhäusern Russlands werden die Heranwachsenden gezielt zum Militärdienst erzogen, um „richtige“ Männer aus ihnen zu machen.
Eigentlich müsste der Staat den jungen Leuten ein Zimmer oder eine Wohnung zur Verfügung stellen, wenn sie aus der Obhut der Waisenhäuser entlassen werden. Aber das findet häufig nicht statt oder wird an die Unterzeichnung eines Militärvertrags geknüpft. Zudem fehlt es den Waisen im Berufsleben meist an Unterstützern, so dass sie nur als einfache Hilfsarbeiter eine Anstellung finden.
Andrej Zlygostew (Foto links) aus Mirny in Jakutien (Sacha) ist so ein Fall.
Andrej landete nach der Geburt in einem Waisenhaus in der Oblast Irkutsk. Im Alter von vier Jahren bekam er eine Pflegemutter zugewiesen und lebte im großen Dorf Ust-Orda in Irkutsk.
„Es war einfach so, dass Andrej in einem Waisenhaus landete. Doch Ljudmila Stepanowa nahm den vierjährigen Jungen bei sich auf. Von da an wuchs Andrej in der Obhut seiner geliebten Mutter Ljudmila Nikolajewna auf, die dem Waisenkind eine Familie schenkte. Sie liebte ihren Sohn sehr, unterstützte ihn und half ihm“, meinte der Bürgermeister der Stadt Mirny.
Dort fing er eine Ausbildung zum Konditor an. Doch seine Pflegefamilie zog nach Mirny in Jakutien um. Jetzt startete er eine Ausbildung als Gas- und Elektroschweißer, die in der Regel junge Schulabgänger durchlaufen, denen man wenig Potential unterstellt. So kam es, dass es Andrej wieder zurück nach Irkutsk zurück ging und am 22. Oktober 2025 einen Zeitvertrag mit dem russischen Militär abschloss.
Als entbehrlicher Soldat wurde Andrej bereits am 3. Dezember 2025 getötet, zwei Tage nach seinem 19. Geburtstag.
„Der Verteidiger des Vaterlandes, Andrej Zlygostew, wird uns für immer als tapferer Krieger in Erinnerung bleiben. Ewiger Ruhm dem Helden!“, schloss der Bürgermeister von Miry den Nachruf.
Mit diesem angeblichen Ruhm wird Andrej nichts mehr anfangen können. Viel besser wäre es gewesen, jene Fürsorge dem jungen und lebenden Andrej zukommen zu lassen.
Wir hätten Andrejs Schicksal auch in unserer Rubrik „Kriegsbilder“ unterbringen können, in der wir junge Soldaten vorstellen, die nach dem Jahr 2000 geboren wurden, deren ganzes Leben durch die Präsidentschaft von Wladimir Putin bestimmt war und die schließlich in seinem Krieg auch gefallen sind. Aber wir hätten ihn auch in unsere Rubrik „Ohne viele Worte“ stecken können, in der wir über all die Kurzzeitsoldaten berichten, die kurz nach ihrer Verpflichtung an der Front auf Selbstmordkommandos geschickt werden.
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