Das harte Vorgehen der Behörden gegen die beiden Menschenrechtsaktivistinnen Daria Jegerewa und Natalia Leonhardt lässt sich mit der politischen Situation in Russland erklären. Je länger der Krieg gegen die Ukraine dauert, um so mehr breitet sich die Unruhe unter den politischen Entscheidungsträgern aus. Alle haben gegenüber der Öffentlichkeit versichert, dass dieser Krieg gewonnen werde. Und dieser Sieg steht immer noch aus.

Der ehemalige Präsident und heutige stellvertretender Leiter des Sicherheitsrates der Russischen Föderation, Dimitri Medwedew, hat im Jahr 2023 die Notwendigkeit eines russischen Sieges so formuliert: „Wenn Russland die militärische Spezialoperation beendet ohne einen Sieg, dann wird es Russland nicht mehr geben, es wird in Teile zerrissen“. Und das ist nicht ganz unwahrscheinlich. Diese Angst vor dem Zerfall des riesigen Russlands begründet auch die Verfolgung jener beiden Mitglieder des Ureinwohner-Forums.

Dass dieses autoritär ausgerichtete Russland ein fragiles Konstrukt ist, zeigte schon der Marsch der Gruppe Wagner Söldner im Juni 2023 gen Moskau. Niemand in Russland konnte oder wollte ihn stoppen. Erst etwa 100 km vor Moskau ließ deren Chef Jewgeni Prigoschin den Vormarsch anhalten, weil er meinte, einen verbindlichen Deal mit dem russischen Präsidenten abgeschlossen zu haben. 

Kaukasus & Vorland Anteil ethnischer Russen an der Bevölkerung in Prozent
  Vorwieg.
Glaube
Jahr
1989
Jahr
2020
Dagestan muslimisch 9,20 3,30
Inguschetien muslimisch 13,20 0,64
Kabardino-Balkarien muslimisch 31,90 19,30
Kalmückien buddhistisch 37,70 24,50
Karatschai-Tscherkessien muslimisch 42,40 27,17
Ossetien christlich
orthodox
*24,2 16,30
Tschetschenien muslimisch 24,80 1,20
    * Jahr 2002  

Unterdessen trainieren in den Reihen der ukrainischen Armee die unterschiedlichsten russischen Ethnien, die sich auf den Kampf zur Selbständigkeit ihrer Region von der russischen Herrschaft militärisch vorbereiten. Da gibt ein „Sibirisches Bataillon“, ein „Karelisches Nationalbataillon“, eine „Baschkortische Kompanie“,  ein „Dschochar-Dudajew--Bataillon (Tschetschenen)“ usw.  Über die Mannschaftsstärke gibt es allerdings keine Angaben.

Vorreiter im Bezug auf den Separatismus sind schon immer die russischen Teilrepubliken im Kaukasus, die seit Jahrzehnten ein Unruheherd sind. In fast allen diesen Regionen gibt es Bestrebungen, sich von Russland zu lösen. Und diese Bestrebungen werden immer lauter, je militärisch schwächer der Zentralstaat sich darstellt und je weniger Mittel der Zentralregierung in diese Landesteile fließen. Und genau das bedingt der Krieg gegen die Ukraine.

Zudem nimmt der Anteil der ethnischen Russen in allen Kaukasusregionen stetig ab. In Inguschetien und Tschetschenien leben so gut wie keine Russen mehr. Es gibt für beide Regionen starke Exilgruppierungen, die nur auf einen günstigen Zeitpunkt warten, die Republiken aus der russischen Föderation zu lösen.

Die wichtigste Region im Kaukasus ist allerdings Dagestan, die bevölkerungsreichste Teilrepublik im Kaukasus mit rund 3,3 Millionen Bewohner. Dagestan selbst ist multi-ethnisch zusammengesetzt mit einer Vielzahl von Sprachen und Dialekten. Alle eint die gemeinsame muslimische Religion. Der Anteil ethnischer Russen geht dagegen ständig zurück. Dagestan gehört zu den schwachen wirtschaftlichen Regionen in Russland, dessen Haushalt zu über 70% von zentralstaatlichen Zuwendungen abhängt. Die Unruhen im Land sind während des Krieges gegen die Ukraine zunächst zurück gegangen, flammen aber seit dem Jahr 2024 immer wieder auf.

Die Wut über die hohen Verluste im Ukrainekrieg ist groß. Verstärkt wird das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Moskau sowie den regionalen und lokalen Regierungen zudem durch die weiterhin massiven sozio-ökonomischen und politischen Probleme, unter denen der Nordkaukasus leidet: Hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Einkommen, schlechte Infrastruktur und mangelnde Investitionen machen die Region zur ärmsten in ganz Russland.
Regina Heller, Nordkaukasus vom 9.09.24

So kommt es, dass alle muslimisch geprägten Kaukasusrepubliken - trotz Armut und hoher Arbeitslosigkeit - bei unserer Statistik über die russischen Kriegstoten in Abhängigkeit von der Bevölkerung auf den hinteren Plätzen zu finden sind. „Der Kaukasus marschiert nicht mehr mit“, haben wir formuliert.

Sibirien/Ferner Osten Anteil ethnischer Russen an der Bevölkerung in Prozent
  Vorwieg.
Glaube
Jahr
1989
Jahr
2020
Altai Schamanismus
Orthodox
60,40 50,60
Burjatien buddhistisch 69,90 59,40
Sacha (Jakutien) orthodox
Schamanismus
50,30 32,30
Tuwa buddhistisch 32,00 10,10
Tschukotka orthodox
Schamanismus 
66,60 53,70

Auch in Sibirien und im fernen Osten Russlands gab und gibt es ethnische Unruhen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kam es in Tuwa zu antirussischen Protesten. Der Ethnologe Vikor Koslow schrieb im Jahr 1995:

In Tuwa, dessen Gebiet (Urjanghai-Region) erst 1944 von der Sowjetunion annektiert wurde, entwickelte sich die Lage deutlich dramatischer. Die nationale Bewegung der Tuwiner, die fast zwei Drittel der Bevölkerung ausmachen, nahm umgehend einen separatistischen und weitgehend antirussischen Charakter an. Dies führte sogar zu Angriffen tuwinischer bewaffneter Gruppen auf russische Siedler. Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele Russen Tuwa verließen und sich die Verbliebenen dort nicht sicher fühlen.

Im Gegensatz zum Kaukasus führt Tuwa unsere Liste mit den höchsten Verlusten in Bezug auf die Bevölkerung im Krieg gegen die Ukraine an. Die Tuwiner ziehen meist aus wirtschaftlicher Not und politisch schlecht informiert in den Krieg. Die hohen Antrittsprämien und die noch höheren Abfindungen bei Verletzung oder Tod wurden zum wichtigen Wirtschaftsfaktor dieser Region. Eine Sympathie für die russische Sache kann daraus aber nicht abgeleitet werden. Tuwa hängt mit 90% seines Haushaltes an der Finanzierung aus Moskau, werden diese Zuschüsse weniger, werden die ethnischen Konflikte zunehmen.

Ein Beispiel für Sezessionsbestrebungen in Burjatien ist die Gründung der „Free Buryatia Foundation“ in den USA, die inzwischen in Russland so gut wie verboten ist. Die Stiftung unterstützt eine größere Autonomie Burjatiens, einschließlich einer stärkeren Kontrolle über monetäre und natürliche Ressourcen . Sie fördert die burjatische Sprache und die Kultur der Burjaten .

Die Republik Sacha (Jakutien) ist reich an Bodenschätzen und trotzdem arm. Die russischen Arbeiter in den Minen arbeiten meist im Rotationsverfahren und versteuern ihre Einkommen in ihrer Heimatregion. Die Gewinne der Erdölindustrie werden am Sitz der Unternehmen außerhalb von Sacha versteuert. So gab es auch dort Bestrebungen, sich von der Zentralregierung in Moskau abzulösen. Und auch der russische Anteil an der Bevölkerung geht stetig zurück.

Doch nicht nur in den Regionen, in denen die namensgebende Ethnie in der Mehrheit ist, brodelt es. Auch in Baschkortostan und in Tatarstan gibt es in der muslimischen Bevölkerung einen wachsenden Widerstand gegen den Krieg in der Ukraine, in dem hauptsächlich die arme, nicht russische Landbevölkerung stirbt. Baschkortostan verhandelte nach der Auflösung der Sowjetunion weitgehende Autonomierechte der Republik, die aber nach und nach wieder abgeschafft wurden. Mitte Januar kam es in der Kleinstadt Baymak zu den größten Protesten in ganz Russland seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine. Anlass war die Verurteilung eines baschkirischen Umweltaktivisten, der sich auch gegen den Krieg ausgesprochen hatte.

Und dann wären da noch die vielen anderen Ethnien aus dem hohen Norden Russlands - Chanten, Ewenen, Ewenken, Komi, Mansen, Nenzen, Tofalaren, Tschuktschen, usw. Alle diese Ethnien werden von der russischen Armee mit Vorzug angeworben und als Freiwillige aufgenommen. Sie sind wetterfest, lernen früh in der Natur sich zu orientieren und können mit einem Gewehr umgehen. Die aus dem Krieg lebend zurückkehrenden Soldaten werden ihrem Volk vermitteln, wie sie für die russische Sache im Krieg benutzt und ausgebeutet wurden.


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