04 26Vorausgeschickt: Seit Beginn des russischen Angriffskrieges ermitteln wir die russischen Kriegstoten aus offenen Quellen. Wir machen das ohne Werbung, ohne Unterstützung von außen, sind politisch ungebunden und tragen die erheblichen Kosten selbst. Wir erstellen alle Informationen nach bestem Wissen und Gewissen.

Der Führer im Bunker

Anfang Mai 2026 wurde ein EU-Geheimdienstbericht öffentlich, in dem berichtet wird, dass der russische Präsident sich zunehmend abschotte und die Sicherheitskontrollen in seinem Umfeld verschärft wurden. Wladimir Putin würde sich zunehmend in extra für ihn hergerichteten Bunkern verschanzen und die Öffentlichkeit mit vorab aufgezeichnetem Videomaterial täuschen. Nachprüfbar ist auf jeden Fall, dass Putin sich in der Öffentlichkeit  immer seltener zeigt. 

All das ist nicht unbegründet. Auf Grund des langen Kriegsverlaufes, ausbleibender Erfolge an der Front und schlechten Wirtschaftsdaten  baut sich nicht nur unter den russischen Kriegsbloggern eine gewisse Unruhe auf. Man kann annehmen, dass im Hintergrund unter den Silowiki (höhere Beamte/Kommandeure mit Einfluss) ein Zerren um die aktuelle Gunst und spätere Nachfolge von Wladimir Putin begonnen hat. Der russische Präsident benötigt dringend Bewegung im Krieg gegen die Ukraine, die Verhandlungen im Dreierformat Russland, USA, Ukraine sind festgefahren.

Die Crux mit den Verhandlungen

Zu Beginn der Verhandlungen schien alles nach Putins Plan zu verlaufen. Der  amerikanische Präsident ging auf die Vorschläge Russlands ein - Abzug der Ukraine aus dem Donbass, Anerkennung der Krim als Teil Russlands, keine europäischen Truppen in einer Friedensmission in der Ukraine und nur wage Sicherheitszusagen der USA. Russland wollte als Gegenleistung mit Donald Trump milliardenschwere Geschäftsvorhaben bei der Ausbeutung von russischen Mineralienvorkommen und fossiler Energie vereinbaren. Der ukrainische Präsident wurde vor der internationalen Presse am Amtssitz von Trump regelrecht gedemütigt.

Der Plan scheiterte - am Widerstand aller europäischen Regierungen, an der Resilienz der Ukraine und nicht zuletzt an der Unfähigkeit der amerikanischen Vermittler. Denn Donald Trump setzte statt erfahrener Diplomaten zwei Geschäftsleute als Verhandlungsdelegation ein - Jared Kushner, seinen Schwiegersohn und den Immobilieninvestor Steve Wittkoff. „Man braucht die USA für Friedensverhandlungen nicht mehr so sehr“, schreibt die New York Times.

So ist es kein Zufall, dass Russlands Präsident plötzlich einen europäischen Vermittler ins Spiel bringt - seinen Freund Gerhard Schröder. Auch seine Wortwahl gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Zelensky hat sich in den letzten Tagen geändert. Während Putin ihn früher meist als drogenabhängigen Komiker titulierte, nannte er ihn zuletzt ganz höflich Herr Zelensky.

Es sind vor allem wirtschaftliche Gründe für Russland, diesen Krieg zu einem Ende zu bringen. Die Rücklagen des Landes schwinden, über Bankkredite wurde teilweise die Rüstungsproduktion finanziert, diese Kredite werden irgendwann fällig. Zudem werden ständig Investitionen in Infrastruktur und Bildung zurückgestellt, auch das lässt sich nicht beliebig so fortsetzen. Je länger der Krieg dauert, um so schwächer wird Russlands Verhandlungsposition.

Die ungeheuren Verluste an getöteten und versehrten Soldaten spielen allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Das menschliche Leben zählt für für die Entscheider in Russland nur wenig bis nichts.

Europa sollte die aktuelle Situation nutzen, die Verhandlungen an sich ziehen und eine starke, erfahrene Persönlichkeit als Vertreter ernennen. Dieser Krieg in Europa sollte von Europa auch beendet werden.

Wie stehen die Russen zum Krieg gegen die Ukraine?

Dazu zitieren wir - wie immer an dieser Stelle - das einzig verbliebene unabhängige Meinungsforschungsinstitut in Russland:

Lewada-Zentrum vom 07.05.2026

  • Im April 2026 verfolgten vier von zehn Befragten die Ereignisse in der Ukraine aufmerksam, während ein Fünftel sie überhaupt nicht verfolgte.
  • Seit Ende des letzten Jahres hat das Interesse an dem Konflikt allmählich nachgelassen.
  • Die Mehrheit der Russen unterstützt das Vorgehen der russischen Streitkräfte in der Ukraine; dieser Anteil ist in den letzten drei Monaten jedoch kontinuierlich gesunken.
  • Sechs von zehn Befragten halten Friedensverhandlungen für notwendig, während etwa ein Viertel die Fortsetzung der Militäraktion befürwortet.

Die Mehrheit der Befragten (69 %) befürwortet das Vorgehen der russischen Streitkräfte in der Ukraine (davon 38 % „definitiv“ und 31 % „eher“). Dieser Wert ist seit Mai 2025 um 11 Prozentpunkte gesunken. 21 % der Befragten lehnen das Vorgehen des russischen Militärs ab (10 % „definitiv“ und 11 % „eher“), was einem Anstieg um 8 Prozentpunkte seit Mai 2025 entspricht.