Vorausgeschickt: Seit Beginn des russischen Angriffskrieges ermitteln wir die russischen Kriegstoten aus offenen Quellen. Wir machen das ohne Werbung, ohne Unterstützung von außen, sind politisch ungebunden und tragen die erheblichen Kosten selbst. Wir erstellen alle Informationen nach bestem Wissen und Gewissen.

Nachschub für die Front

Jeden Monat muss die russische Armee 30 bis 35 Tausend Zeitsoldaten rekrutieren, um die Verluste an der Front wieder aufzufüllen und die ausgebrannten, kranken, verwundeten und toten Soldaten zu ersetzen. Im fünften Jahr des Krieges wird das zunehmend schwieriger. Die russischen Bürger wissen inzwischen um das Risiko versehrt oder tot nach Hause zu kommen. Und auch die hohe Bezahlung der Zeitsoldaten stellt kaum noch einen Anreiz dar, da die Kommandeure vor Ort viel davon kassieren - zur Finanzierung des Nachschubs oder zum Bedarf der Befehlshaber.

Es gibt allerdings vereinzelte Daten, die zeigen, wie der monatliche Ersatz sich an der Front zusammensetzt.

Häftlinge

Die Zeiten in denen Häftlinge in großem Stil aus den Gefängnissen heraus rekrutiert werden konnten, sind inzwischen vorbei. Die Gefängnisse haben sich seit 2022 geleert. Frischen Häftlingen, die bereits verurteilt wurden, werden solche Verträge nicht nur angeboten; sie werden vielmehr zur Unterzeichnung gezwungen. Und nicht verurteilte Personen, gegen die ermittelt wird oder die unter Anklage stehen, wird angeboten, das Strafverfahren einzustellen, wenn sie einen Vertrag mit dem russischen Verteidigungsministerium unterzeichnen. 

Die ukrainische staatliche Initiative „Ich will leben“ hat eine Liste aller Häftlinge eines Monats veröffentlicht, die einen Vertrag mit dem russischen Militär geschlossen hatten. Die Liste dürfte authentisch sein.

Auf der Liste sind rund 5.000 Namen aufgeführt. Das sind gerade mal 17% des monatlichen Bedarfs an der Front.

Junge Drohnenpiloten

Die russischen Berufsschulen und Universitäten wurden verpflichtet, 2% ihrer Schüler & Studenten als Drohnenpiloten zu akquirieren. Auch die Liste der so rekrutierten jungen Männer ist in die Ukraine durchgesickert - insgesamt 1.321 Namen. Über die sechs Monate verteilt, wären das dann etwa 200 neue Soldaten pro Monat.

Auch diese veröffentlichte Liste scheint authentisch zu sein. Das russische Exilmedium „Nowaja Gazeta“ kontaktierte 37 rekrutierte Studenten, die die Angaben auf der Liste bestätigten.

Zeitsoldaten

So werden die russischen Einheiten an der Front vorwiegend mit rekrutierten Zeitsoldaten aufgefüllt.

Die meisten russischen Regionen verzeichnen Defizite in ihren Haushalten. Trotzdem werden sie gezwungen, immer mehr Geld für diese Rekrutierung auszugeben. Die durchschnittliche Antrittsprämie aller russischen Regionen beträgt im Juni 2026 rund 1,6 Millionen Rubel (19.100 €), so hoch wie nie zuvor. Die höchsten Beträge zahlen die Region Leningrad und St. Petersburg - 4.500.000 Rubel (rund 54.000 €).

Man kann davon ausgehen, dass die Regionen, die die Prämienzahlungen nicht erhöht haben, ein ausreichend großes Kontingent an Zeitsoldaten stellen konnten. Dort, wo zu wenige Zeitsoldaten rekrutiert werden, werden die Antrittsprämien angehoben. In der Regel ist es völlig egal, aus welcher Region der neue Rekrut kommt. Hauptsache er unterschreibt dort, wo neue Zeitsoldaten dringend benötigt werden.

Im ersten Quartal 2026 wurde nach einer Erhebung eines Mitarbeiters der Stiftung Wissenschaft und Politik etwa 20% weniger Zeitsoldaten rekrutiert als im Jahr zuvor.  Der russische Verteidigungsminister Belousow dagegen meinte in einem veröffentlichten Video:

Ich kann nur sagen, dass wir dem Zeitplan voraus sind. Wir setzen alle unsere Pläne um und bilden neue Einheiten und Untereinheiten“.

Neue Mobilisierung

Sollte der russische Krieg noch länger andauern, wird Präsident Putin gezwungen sein, eine neue Mobilisierung unter den Reservisten anzuordnen. Zwar ist nicht damit zu rechnen, dass auf einmal wieder mehrere 100.000 Reservisten eingezogen werden, wie im Jahr 2022 bei der ersten Mobilisierungswelle. Dies wäre den russischen Bürgern kaum zu vermitteln, hätte massive Auswirkungen auf die russische Ökonomie, wo jetzt schon ein Mangel an Fachkräften herrscht.

Vielmehr ist eine schleichende Mobilisierung zu erwarten, wo in einzelnen Regionen überraschend Reservisten in die Militärverwaltungen vorgeladen und sofort verpflichtet werden. In der Stadt Pensa wurden Männer in verschiedenen Bezirken der Stadt festgenommen, anschließend zum Militärregistrierungs- und Rekrutierungsbüro gebracht. Viele der Männer hatten bei ihrer Festnahme weder Pässe noch Militärausweise. Sie erhielten innerhalb weniger Stunden vom Militär neue Dokumente und wurden nach Angaben ihrer Ehefrauen gezwungen, einen Militärvertrag zu unterschreiben. 

„Im Juni erreichte das Ganze ein völlig unglaubliches Ausmaß. Schon Ende Mai kontaktierten mich täglich Dutzende Ehefrauen, Mütter, Schwestern und Töchter von Inhaftierten. Mittlerweile sind es Hunderte. Ich habe schlichtweg keine Zeit, alle Beschwerden zu bearbeiten und jeder einzelnen Geschichte nachzugehen“, kommentierte ein Menschenrechtsaktivist die Situation.

Razzia in Pensa

 Militärrazzia in Pensa

Russland bereitet sich folglich für ein weiteres Kriegsjahr gegen die Ukraine vor. Nichts deutet darauf hin, dass die Rekrutierung von neuen Soldaten langsam zurück gefahren wird, weil ein Friedensvertrag zu erwarten wäre. Präsident Putin ist weiter bereit, jeden Monat mehr als 30.000 russische Staatsbürger für diesen verbrecherischen Krieg zu opfern.

Wie stehen die Russen zum Krieg gegen die Ukraine?

Dazu zitieren wir - wie immer an dieser Stelle - das einzig verbliebene unabhängige Meinungsforschungsinstitut in Russland:

Lewada-Zentrum vom 09.06.2026

  • Im Mai 2026 verfolgte fast die Hälfte der Befragten die Ereignisse in der Ukraine aufmerksam, während jeder sechste Befragte sie überhaupt nicht verfolgte.
  • Die Unterstützung für das Vorgehen der russischen Streitkräfte in der Ukraine ist weiterhin hoch; dieser Wert war in den letzten Monaten zwar leicht gesunken, stieg aber im Mai wieder an.
  • Sechs von zehn Befragten halten Friedensverhandlungen für notwendig, während etwa jeder Dritte die Fortsetzung der Militäraktion befürwortet.
  • Die Zahl derer, die sich für die Fortsetzung der Militäraktion aussprechen, ist in den letzten drei Monaten gestiegen.
  • Die Hälfte der Befragten glaubt, dass die Situation in der Ukraine zu einem militärischen Konflikt mit NATO-Staaten eskalieren könnte; diesbezüglich hat sich in den letzten zwei Jahren nichts geändert.

Im Mai 2026 kam der Rückgang des Interesses an den Ereignissen rund um die Ukraine zum Stillstand und stieg leicht auf 45 % an (davon verfolgten 15 % die Ereignisse „sehr aufmerksam“ und 30 % „ziemlich aufmerksam“). 38 % der Befragten verfolgten die Ereignisse ohne besondere Aufmerksamkeit, während 16 % der Befragten sie überhaupt nicht verfolgten. Zur Erinnerung: Im vergangenen Monat wurde ein Tiefststand bei der Aufmerksamkeit für die Ereignisse rund um die Ukraine verzeichnet.