Vorausgeschickt: Seit Beginn des russischen Angriffskrieges ermitteln wir die russischen Kriegstoten aus offenen Quellen. Wir machen das ohne Werbung, ohne Unterstützung von außen, sind politisch ungebunden und tragen die erheblichen Kosten selbst. Wir erstellen alle Informationen nach bestem Wissen und Gewissen.
Das Grauen der Gewöhnung
Am Ende des Jahres 2022 hatten wir rund 10.000 russische Kriegstote erfasst. Wir empfanden diese Zahl als riesig, bedeutete dies doch, dass die männliche wehrfähige Bevölkerung einer Mittelstadt wie z.B. die deutsche Stadt Speyer im Krieg ausgelöscht wurde. Wir konnten uns nicht vorstellen, wie die Regierung des größten Landes der Erde für solch einen marginalen Landgewinn all diese Soldaten opfert.
Doch das war erst der Anfang dieses Verbrechens gegen die ukrainische und russische Bevölkerung. Ende des Jahres 2023 waren wir bei 40.000 Kriegstoten angekommen und das Karussell des Grauens nahm weiter Fahrt auf. Ende 2024 hatten wir 92.000 bestätigte Kriegstote ermittelt und Ende des letzten Jahres war die Zahl auf 174.000 angestiegen. Das sind mehr Tote als die Stadt Leverkusen Einwohner hat.
Wir fühlen mit beim Todeskampf eines Buckelwals - aber haben uns mit diesem Grauen in unserer europäischen Nachbarschaft irgendwie abgefunden.
Ein kurzes Aufflackern des Erschreckens
Anfang Juli berichtete die gesamte deutsche Presse empört über die hohen Verluste im russischen Angriffskrieg und zitierte dabei eine aktuelle Studie des US-amerikanischen „ Center for Strategic and International Studies (CSIS)“:
Laut Schätzungen des CSIS erlitten die russischen Streitkräfte zwischen Februar 2022 und Juni 2026 rund 1,4 Millionen Verluste auf dem Schlachtfeld – darunter Gefallene, Verwundete und Vermisste. Im selben Zeitraum verzeichneten die russischen Streitkräfte zwischen 400.000 und 450.000 Tote.
Das ist alles richtig, nur diese Zahlen stammen nicht vom CSIS, sondern wurden durch Initiativen wie uns ermittelt. Genau so verhält es sich mit den veröffentlichten Schätzungen und es ist deshalb kein Wunder, dass unsere ermittelten und geschätzten Daten ziemlich mit denen vom CSIS übereinstimmen.
Weiter schreibt das CSIC:
Die Zahl der russischen Opfer und Toten ist erschreckend. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat keine andere Großmacht in einem Krieg auch nur annähernd so viele Opfer oder Tote zu beklagen gehabt, was Russland eine düstere und beispiellose jüngere Kriegsgeschichte beschert. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten beispielsweise hat Russland in der Ukraine etwa viermal so viele Tote zu beklagen wie die Vereinigten Staaten in all ihren Kriegen seit dem Zweiten Weltkrieg zusammengenommen.
Damit gibt die Studie genau jene Tabelle der Vergleichszahlen aus anderen Kriegen wieder, die wir seit mehr als zwei Jahren im Anschluss an unsere Todesstatistik beifügen.
Wie so häufig beziehen sich die deutschen Medien auf Veröffentlichungen aus dem Ausland, die man nicht groß prüfen muss, statt auf die naheliegenden Informationen zurück zu greifen.
Wie stehen die Russen zum Krieg gegen die Ukraine?
Das Lewada-Zentrum ist das einzig verbliebene unabhängige russische Meinungsforschungsinstitut. Es stellt den Bürgern jeden Monat die selben Fragen:
Sind Sie im Allgemeinen mit der Leistung Wladimir Putins als Präsident (Ministerpräsident) Russlands einverstanden oder unzufrieden?
Der russische Präsident hat weiterhin sehr hohe Zustimmungswerte. Das ist kaum verwunderlich, das Levada-Zentrum führt monatlich solche persönliche Interviews durch. Und viele Interviewte dürften im autoritären Russland Angst haben, offen über ihre Meinungen zu sprechen.
Kommentar zum Krieg auf der St. Petersburger Zeitung Fontanka:
Warum glauben Sie, dass mein Schweigen bedeutet, ich würde all das „billigen und unterstützen“? Ihnen ist es vielleicht nicht bewusst, aber in unserem Land drohen denen, die nicht schweigen, horrende Strafen wegen „Verleumdung und Verbreitung von Falschnachrichten“. Und kaum jemand möchte ins Gefängnis, tut mir leid. Darüber hinaus werden politische Straftäter oft so hart bestraft, dass manche vorzeitig entlassen werden.
Trotzdem - im Juni 2026 haben diese Werte einen Knick bekommen. Die Zustimmung ist von 79% auf 74% gefallen. Und die Ablehnung der Person von Wladimir Putin ist von 15% auf 21% gestiegen.
Wie unser Diagramm (mit den Werten des Levada-Zentrums) zeigt, gab es seit Beginn des russischen Angriffskrieges nur einmal solch einen Zufriedenheitsabfall. Als im September 2022 Russland 300.000 Reservisten einberufen hatte, sanken Putins Beliebtheitswerte um sechs Punkte.
Nachdem jetzt der Krieg gegen die Ukraine ganz Russland erfasst hat, es überall Versorgungsengpässe mit Kraftstoffen gibt, ukrainische Drohnen auch in Moskau und St. Petersburg eingeschlagen sind und die Halbinsel Krim in diesem Sommer kein Urlaubsziel für russische Bürger darstellt, sinken auch Putins Zustimmungswerte. Seit Beginn des Jahres sind sie um 10 Punkte gefallen, davon fünf im Monat Juni 2026. Die Zahlen für den Juli dürften spannend werden.
Immer mehr Russen nennen nicht den Krieg selbst, sondern dessen Auswirkungen auf ihr Leben als Hauptereignis. Im Juni erwähnten 24 % der Befragten die ukrainischen Drohnenangriffe, während 22 % Treibstoffknappheit und steigende Benzinpreise als Gründe angaben. Nur 7 % nannten den Krieg selbst als separates Ereignis.
Dies deutet auf einen Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung hin. Während der Krieg für viele Russen zuvor ein eher distanziertes Hintergrundthema blieb, wird er nun zunehmend mit konkreten Unannehmlichkeiten in Verbindung gebracht – Angriffe auf russisches Territorium, Störungen an Flughäfen, Treibstoffknappheit und steigende Preise.



