Vorausgeschickt: Seit Beginn des russischen Angriffskrieges ermitteln wir die russischen Kriegstoten aus offenen Quellen. Wir machen das ohne Werbung, ohne Unterstützung von außen, sind politisch ungebunden und tragen die erheblichen Kosten selbst. Wir erstellen alle Informationen nach bestem Wissen und Gewissen.

Metamorphosen des Krieges

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat in den viereinhalb Jahren mehrere Wandlungen vollzogen. Zunächst war es eine klassische militärische Invasion mit schwerem Gerät, unterstützt durch Luftlandetruppen und Landeeinheiten der Marine. 

Nach hohen Verlusten an Berufssoldaten und militärischem Material musste Russland bereits im Jahr 2022 seine Vorgehensweise anpassen. Die Söldnertruppe Wagner durfte ihre Einheiten aus den Insassen von Haftanstalten rekrutieren - nach dem Motto „je übler der Verbrecher, um so besser für die Truppe“. Die so formierten Sturmtruppen übernahmen unter hohen Opfern die gefährlichsten Angriffsoperationen. Allein 20.000 Sträflinge sollen laut ihrem Chef Prigoschin bei der Eroberung der Stadt Bachmut gefallen sein.

Die Gruppe Wagner wurde ob dieser Erfolge zu gefährlich für die Moskauer Nomenklatura und wurde eliminiert. Ab dem Jahr 2023 wurden deshalb in ganz Russland Zeitsoldaten mit viel Geld für die gefährlichen Angriffe rekrutiert. Statt klassischer Sturmangriffe mit gepanzerten Fahrzeugen wählte die russische Armee mit diesen Freiwilligen die Taktik der  Infiltration. Auf Grund der zahlenmäßig unterlegenen ukrainischen Verteidiger wehrten sich diese mit dem Einsatz von „First Person View-Drohnen“ - also Drohnen, die ein Bild aus der Ich-Perspektive liefern. So wurden handelsübliche Spiel- und Sportflieger zu Waffen umgerüstet. Der Krieg der Drohnen begann.

An der Front haben sich im Jahr 2026 keine großen Veränderungen ergeben. Doch erneut trat der Krieg in eine neue Phase.

Russland macht kaputt, was kaputt zu machen ist

Im Jahr 2025 hat das russische Militär seine Angriffe auf die Infrastruktur der Ukraine noch einmal verstärkt. Ziel war es, die Strom-, Gas- und Wasserversorgung der Bürger zu unterbrechen und den Menschen dort einen kalten Winter zu bereiten. Und letztlich geht es Russland darum, durch  die systematische Zerstörung der Infrastruktur und der Wirtschaft den Verteidigungswillen der ukrainischen Bürger zu brechen.

Insgesamt führte die russische Armee im Jahr 2025 etwa 56.700 Luftangriffe durch, insbesondere mit Langstrecken-Drohnen (96 % aller Angriffe) gegen zivile Ziele in der Ukraine – mehr als vier Mal so viele wie im Jahr 2024 (13.300).  Allein im Dezember 2025 attackierte Russland die Ukraine mit etwa 5.000 Drohnen, meist gegen zivile Ziele, dazu kamen 120 Marschflugkörper und 57 ballistische Raketen (Beispiellink).

Durch die schiere Menge an Drohnen, Marschflugkörper und Raketen wurde die ukrainische Luftabwehr so überlastet, dass immer mehr der Angriffswaffen ihre Ziele auch fanden. Neben den Versorgungseinrichtungen für die Bewohner für Strom, Gas und Wasser, wurden auch systematisch Industrieanlagen, Tankstellen, Warenlager und Postverteilzentren unter Beschuss genommen. Ebenfalls versucht  das russische Militär gezielt Lokomotiven der staatlichen Eisenbahn zu zerstören - etwa 400 wurden inzwischen ausgeschaltet. Zudem wurden auch Bus- und Lastwagendepots angegriffen.

Im aktuellen Jahr eskalierten jene Luftangriffe weiter. Im August 2026 wurden Angriffe auf die Ukraine mit folgenden Flugkörpern registriert:

  • Drohnen (Langstrecken- & Angriffsdrohnen): Insgesamt wurden zwischen 6.000 und 7.025 Drohnen gestartet. Darunter befanden sich mehr als 2.500 Einheiten des Typs Shahed sowie ein zunehmend hoher Anteil neuer, strahlgetriebener (jet-powered) Drohnentypen wie der Geran-4 und Geran-5.
  • Raketen und Marschflugkörper: Russland feuerte insgesamt über 200 Raketen ab. Davon entfielen rund 130 auf Marschflugkörper (Cruise Missiles, z. B. Ch-101 und Kalibr) sowie mindestens 14 auf ballistische Raketen (z. B. Iskander-M, S-400 oder nordkoreanische KN-23).
  • Gleitbomben: Ergänzend dazu warf die russische Luftwaffe eine Rekordzahl von 8.766 gelenkten Fliegerbomben ab.

Besonders die russischen Raketen und Marschflugkörper erreichten immer öfter ihr Ziel, da in der Ukraine nicht mehr genügend Abfangraketen zur Verfügung standen. Die ballistischen Raketen Russlands können meist nur durch sogenannte „Patriot-Systeme“ abgewehrt werden, doch die USA  haben in ihrem Krieg gegen den Iran die Bestände beinahe vollständig aufgebraucht.

Treibstoff des Krieges

Seit dem Jahr 2024 greift die Ukraine die Treibstoffdepots, die Versorgungswege für Rohöl und Gas und deren Verladeinfrastruktur an den Küsten mit eigenen entwickelten Langstreckendrohnen an. Der einfache Gedanke dahinter: Russland finanziert mit dem Export ihrer fossilen Brennstoffen den Krieg und könnte so an den Verhandlungstisch gezwungen werden. Zudem benötigen die russischen Truppen in der Ukraine eine ständige Lieferung an Diesel und Benzin, um die Mobilität ihrer Truppen zu erhalten.

Inzwischen hat die Ausschaltung der wichtigsten Erdöl verarbeitenden Raffinerien im europäischen Teil Russlands zu einer permanenten Treibstoffkrise in ganz Russland geführt. Auch der russische Export von Rohöl und Gas wurde dadurch erschwert. Allerdings sind durch den US-amerikanischen Krieg gegen den Iran sowohl die Nachfrage als auch die Preise angestiegen, so dass sich der wirtschaftliche Schaden für Russland in Grenzen hält.

Bis zu zwanzig Lager- und Versandzentren der russischen Firma Wildberries wurden durch ukrainische Langstreckendrohnen zerstört. Die Firma Wildberries ist vergleichbar mit Amazon in Europa. Begründet wurden die Angriffe, weil über die Firma auch in großem Stil Ausrüstungsgegenstände für die russische Armee angeboten und verkauft wurden. Dadurch wurde nicht nur Wildberries existenziell  betroffen, sondern auch das Geschäft von vielen russischen Kleinunternehmern, die ihre Produkte über Wildberries verkaufen wollten.  Zuletzt wurden auch Auslieferungslager von Ozon angegriffen, dem etwas kleineren Konkurrenten von Wildberries.

Kriegsverlauf nicht betroffen

Sowohl die russischen Luftangriffe auf die ukrainische Infrastruktur als auch die ukrainischen Gegenreaktionen haben wenig Einfluss auf den militärischen Kriegsverlauf an der Front. Sie verschlechtern allerdings die ökonomische Situation in beiden Ländern. Dafür fordern sie bedeutend mehr zivile Opfer. Und treiben künftige Kosten für den Wiederaufbau in beiden Ländern in die Höhe. 

An der Front dagegen ging der Krieg im August unverändert weiter - unter großen Verlusten der russsischen Armee, ohne dass es zu bedeutenden Verschiebungen an der Front kam. Im Gegenteil - in begrenzten Fällen konnte die ukrainische Armee wieder einige Dörfer zurück erobern.

Einschätzung zur politischen Lage in Russland

Wie immer an dieser Stelle zitieren wir das einzig verbliebene unabhängige Meinungsforschungsinstitut in Russland. Danach verändert sich die Meinung zum russischen Angriffskrieg in der Bevölkerung - nicht zum Guten. Die Zahl der russischen Bürger, die Friedensverhandlungen unterstützen liegt zwar bei 59%. Allerdings gab es einen Rückgang seit Februar 2026 um acht Prozentpunkte.  Dafür sind die Anzahl an Befürworter der Militäraktion auf 31% gestiegen - ein Anstieg seit März 2026 um sieben Punkte.

Das Lewada-Zentrum schreibt am 1. September 2026:

Im August verfolgte die Hälfte der Befragten die Ereignisse in der Ukraine aufmerksam. Die Unterstützung für das Vorgehen des russischen Militärs ist weiterhin hoch. Sechs von zehn Befragten befürworten einen Übergang zu Friedensgesprächen, während ein Drittel die Fortsetzung der Militäraktion unterstützt – ein Anteil, der wächst.

Die Zustimmung zum Vorgehen der russischen Streitkräfte in der Ukraine ist weiterhin hoch. Nach einem leichten Rückgang in den letzten Monaten stieg dieser Wert im August leicht auf 68 % (davon 37 %, die es uneingeschränkt befürworten, und 31 %, die es eher befürworten). 21 % lehnen das Vorgehen der russischen Streitkräfte in der Ukraine ab (9 %, die es entschieden ablehnen, und 12 %, die es eher ablehnen).