Hinduistische Andacht mit burjatischen Soldaten / Oktober 2022

Knapp 4.000 getötete Soldaten aus Burjatien haben wir in unserer Datenbank und das bei einer Bevölkerung von weniger als einer Million Bewohner dieser russischen Region. Im Gegensatz zu allen anderen russischen föderalen Gebietseinheiten bekommen die gefallenen Soldaten meist einen zwar geschönten, aber doch recht ausführlichen Nachruf mit den wesentlichen Fakten wie Alter, Ausbildung, Wehrdienst, Beruf und Teilnahme am Krieg.

Die Öffentlichkeit erfährt so, wie häufig die angeworbenen Freiwilligen schnell in den Angriff geworfen werden und dort nicht lange überleben. Trotzdem lassen sich viele Männer aus der Region dadurch nicht abschrecken und melden sich freiwillig zum Kriegsdienst an der Front. Einer der Gründe dafür ist die Armut der Menschen und die harten Lebensbedingungen der arbeitenden Männer.  Trotz handwerklicher Berufsausbildung finden viele junge Männer ohne Beziehungen kaum Arbeit in ihrem Beruf und müssen als Hilfsarbeiter oder Tagelöhner bei harter Arbeit mit geringem Lohn auskommen. 

Da gleichen die Verdienstmöglichkeiten im Vertragsdienst beim Militär beinahe einem Lottogewinn und so verdrängen jene Freiwilligen das hohe Risiko, das sie dabei eingehen. Wir dokumentieren drei aktuelle Beispiele:

Anatoli Nikolajewitsch ChurtessowAnatoli Nikolajewitsch Churtessow wurde am 16. Juni 2004 in der russischen Teilrepublik Adygeja geboren. Als er zehn Jahre als war zog seine Familie in das Dorf Noworoschdestwenskaja in der Oblast Krasnodar. Dort ging Anatoli in die Dorfschule und war Mitglied im Verein „Kosakenkühnheit“.

Im Süden Russlands ist die Kosakenkultur noch weit verbreitet und ersetzt dort die Jugendarmee Junarmija, wenn es um die militärisch-patriotische Erziehung der Jugendlichen geht..

Im August 2024 unterzeichnete Anatoli einen Vertrag mit dem russischen Militär. ohne vorher Wehrdienst geleistet zu haben.

Sein Militäreinsatz wurde vom örtlichen Kulturhaus dokumentiert. Allerdings kann es sein, dass das Kulturhaus etwas mit der Chrologie durcheinander gebracht hat. Denn nach Anatolis Odnoklassniki-Profil ist er erst nach dem 20. September 24 abgereist. Aber bleiben wir bei der Chronologie des Kulturhauses:

Alexander Gloss

Das ist ein Instagram-Foto von Michael Alexander Gloss. Michael war der Sohn eines US-Veteranen und einer stellvertretenden CIA-Direktorin. Er trat dem Islam bei, ging auf Weltreise und landete über Israel, Italien, Türkei schließlich in Russland. Dort wollte er den Imperialismus bekämpfen, meinte aber nicht Russland, sondern die in Fragen des Imperialismus völlig unschuldige Ukraine. Michael, 21 Jahre alt, wurde im April 2024 getötet,

Bei so viel Verwirrung musste die russische Staatspropaganda doch noch etwas beitragen. Im besetzten Donezk bastelte man aus dem schmalschultrigen jungen Mann einen richtigen Helden. Und ließ dazu am 9.12.2025 die örtliche Jugendarmee und einige Veteranen auflaufen. 

Update: Die Heldensaga und eine Kopie der beiden Statuen haben es auch in das kleine Dorf Otrok in der sibirischen Region Krasnojarsk geschafft. Den Bericht über das Ereignis haben wir hier veröffentlicht.

Die russische Teilrepublik Inguschetien ist die geografisch kleinste autonome Region in Russland. Sie liegt am nördlichen Bergmassiv des Kaukasus und hat rund 534.000 Einwohner. Die Bewohner sind zu 93% ethnische Inguschen, Tschetschenen und Russen haben die Region in den letzten Jahrzehnten verlassen. 

Im Krieg gegen die Ukraine haben wir bisher 210 gefallene Inguschen gezählt, damit befindet sich die Region auf den hinteren Plätzen der Kriegstoten in Relation zur Bevölkerung.

Das Video zeigt die Abschiedszeremonie für die Brüder Gogijew aus dem Dorf Werchnie Atschaluki, die im Krieg gegen die Ukraine getötet wurden. Wir geben den Bericht des Telegram-Kanals Fortanga im übersetzten Original wieder:

Jamal Nenzen

Tundra im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen -- Foto: Hlorosol Z -- Lizenz: CC BY-SA 3.0

Unsere Exkursion quer durch Russland bringt uns diesmal in den Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen. Die Region ist mehr als doppelt so groß wie Deutschland, aber nur dünn besiedelt. Aber sie ist reich, dort gibt es riesige Mengen an Erdöl - und Erdgasvorkommen. Durch deren Ausbeutung hat sich die Bevölkerungsstruktur völlig verändert. Die Ethnie der Nenzen macht gerade noch 7% der Bevölkerung aus.

Etwas anders sieht es im Tasowsky-Bezirk im Nordosten des Autonomen Kreises aus. Der Bezirk hat etwa 40% der Fläche Deutschlands, es leben gerade mal 18.000 Menschen dort. Die Mehrzahl der Bewohner sind Nenzen, eine Ethnie, die zu den samojedischen Völkern gehört. Einer davon ist Eduard Salinder, der als russischer Soldat in der Ukraine getötet wurde.

Ainur 1

Die Einwohner der Metropole Moskau unterstützen den russischen Angriffskrieg laut einer aktuellen Untersuchung des Lewada-Instituts, die Menschen vom Land weit weniger. Dafür ziehen aus wirtschaftlicher Not die Männer aus den abgelegenen Dörfern Russlands in den Krieg, die Männer aus Moskau dagegen sehr, sehr viel weniger. 

Wir sind heute im Dorf Nischnee Babalarowo im Südwesten Baschkortostans mit rund 200 Bewohnern. Ainur Walejewitsch Murzagildin wurde am 12. November 2025 beigesetzt, er hatte sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Durch die vielen Kriegstoten in Baschkortostan kommen nur noch wenige Dorfbewohner zu den Beerdigungen.

Morituri

Aus der Großstadt Komsomolsk am Amur in der Region Chabarowsk im Fernen Osten Russlands hat uns ein kurzes Video über gefallene Soldaten im Krieg gegen die Ukraine erreicht. Komsomolsk am Amur hat rund 230.000 Einwohner und liegt etwa 300 km von der Pazifikküste entfernt. Der Strom Amur ist im Stadtgebiet etwa 2,5 km breit. 

Im KI-generierten Video salutieren die getöteten Soldaten. Das hat uns zur Überschrift inspiriert, die eigentlich heißt „Ave Caesar, morituri te salutant (Heil dir Cäsar, die Todgeweihten grüßen dich)“. Im alten Rom mussten verurteilte Sträflinge gegeneinander kämpfen. Wer überlebte, wurde begnadigt. Damals war die Situation auch nicht viel anders als heute, wo Straftäter für Selbstmordangriffe an die Front geschickt werden. 

Skazka

Welche Ausmaße die Rekrutierung zum Krieg in der Ukraine im Autonomen Kreis der Tschuktschen angenommen hat, zeigt das Beispiel der Goldstadt Bilibino mit ihren etwa 5.500 Bewohnern. Wir haben über die langsam verfallende Stadt Bilibino bereits berichtet. Der Kindergarten „Skazka (Märchen)“ der Stadt veranstaltete im Oktober einen Malwettbewerb, bei dem die Kinder ihre Väter zeichnen sollten, die alle sich als Freiwillige zum Krieg gegen die Ukraine verpflichtet haben. Immerhin 14 Kindergartenkinder kamen aus dem kleinen Städtchen zusammen. Darunter war  ein Vater, dessen Todesmeldung wir heute registriert haben und den wir nachstehend vorstellen wollen.

Tuwa Orden 00

Am 30. Oktober 2025 wurden im Parlament von Tuwa, dem Obersten Chural, an 16 Familien Orden und Urkunden für gefallene Familienangehörige übergeben, die im Krieg gegen die Ukraine getötet wurden. Wir wollen anhand der dabei erstellten Fotos dokumentieren, aus welchem sozialen Umfeld jene Gefallenen stammen.

Daniil Aleksejewitsch Obwintsew

Die Überschrift auf der Stellwand lautet: Gardist! Schneller, höher, stärker!

Wir sind im Dorf Wosnesenka mit rund 1.000 Bewohnern im Nordosten Baschkortostans. Die Bewohner des Dorfes sind überwiegend russischer Abstammung. Im Dorf lebte Daniil Aleksejewitsch Obwintsew, geboren am 27. Dezember 2005. Er war überzeugtes Mitglied in der russischen Jugendarmee „Junarmija“ und nahm mit seinen Kameraden aus Baschkortostan auch an Wettbewerben in Russland teil . Auf dem Foto oben, wahrscheinlich im Sommer 2023 aufgenommen,  steht Daniel in der vorderen Reihe, Dritter von rechts.

In einer Familie starben drei Brüder im Krieg

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Die Gräber der Brüder

Im Dorf Bolschije Prudy in der Region Krasnojarsk starben innerhalb eines Monats drei Brüder im Krieg in der Ukraine. Insgesamt zogen sieben Männer aus dem Dorf in den Krieg, von denen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes nur noch einer am Leben war.

Urteil wegen „defätistischer Äußerungen“

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Ukrainische Soldaten untersuchen ein zerstörtes russisches BMP-2-Kampffahrzeug im Dorf Storozhevoye / Region Donezk

Im ersten Halbjahr 2025 wurde eine Rekordzahl von Russen wegen „militärischer Fälschungen“ (207.3 Strafgesetzbuch der Russischen Föderation) verurteilt. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres fällten die Gerichte Urteile gegen 45 Personen – innerhalb von zwei Jahren hat sich diese Zahl um das 2,5-fache erhöht. Im Jahr 2025 wurde den Medien zum ersten Mal seit Beginn des Krieges ein Fall bekannt, in dem ein Gericht im Rahmen dieses Artikels des Strafgesetzbuches einen Soldaten wegen „defätistischer Äußerungen” verurteilt hatte.

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