Sandarmoch GedenksteinSandarmoch ist ein Waldgebiet in Karelien etwa 12 km von der Kleinstadt Medweschjegorsk entfernt, die am nördlichen Ende des Onegasees liegt. In dem Waldgebiet liegen knapp 10.000 Opfer der stalinistischen Säuberung begraben, die dort geheim zwischen Oktober 1937 und Dezember 1938 erschossen wurden.  Die Hinrichtungsstätte wurde 1997 von Mitarbeitern der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial wiedergefunden. 

Foto: Granitstein an der Gedenkstätte: Menschen, tötet nicht einander -- Foto: Semenov.m7 -- Lizenz: CC BY-SA 3.0

„Masken-Schau“ am Tag des Gedenkens an die Opfer des Großen Terrors in Sandarmoch

Sandarmoch 1

Menschen in Schwarz umzingelten eine Frau, die zu einer Gedenkveranstaltung in Sandarmoch gekommen war

Nationalisten der „Russischen Gemeinschaft“ und andere Provokateure versuchten, die Verlesung der Namen der 1937–1938 in Karelien erschossenen Menschen zu stören. Die Gedenkfeier fand am 5. August, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Großen Terrors, auf dem Gedenkfriedhof Sandarmoch in der Nähe der karelischen Stadt Medweschjegorsk statt, wo mehr als sechstausend Menschen begraben sind.

31.07.25 russische KriegstoteWir sind mitten in der Urlaubszeit und unterbesetzt, dafür haben wir im Monat Juli die höchsten Zahlen an russischen Kriegstoten seit Beginn des Krieges. Das hat vielfache Ursachen - die aktuellen Verluste der russischen Armee sind auf einem hohen Niveau geblieben, dazu sind zahlreiche Gedenkstätten und lokale Videos dazu gekommen, die neue Namen geliefert haben. Russische Bürger haben die Gräber auf Friedhöfen in den Regionen St. Petersburg und Oblast Moskau fotografiert. Und schließlich die Listen der staatlichen Initiative "Ich will finden", die im Juli rund 1.000 neue Namen beigesteuert haben und deren Auswertung wir dankenswerter Weise anderen überlassen konnten.

Für den Juli 2025 liegen uns bisher folgende Abschätzungen vor:

Ein Schüler aus Dagestan unterschrieb unter Folter einen Vertrag und verschwand im Krieg

Said MurtasaliewDer 18-jährige Schüler Said Murtasaliew aus Dagestan fuhr im Januar 2025 in die Winterferien nach Moskau, wo er zusammen mit Freunden von der Polizei festgenommen wurde. Unter Androhung der Verhaftung wegen eines angeblich von ihnen begangenen Verbrechens wurde Said gezwungen, einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium zu unterschreiben. Nach Angaben seiner Mutter wurde der Schüler nicht nur bedroht, sondern auch gefoltert – man übergoss ihn mit eiskaltem Wasser, setzte ihm eine Gasmaske auf und schlug ihn.

Zuletzt gelang es Said im März, seine Familie anzurufen – seitdem erhält seine Mutter vom Militär keine Informationen über seinen Aufenthaltsort.

Elbrus Berg

 Berg Elbrus -- Foto: JukoFF -- Lizenz: Frei

In der russischen Teilrepublik Kabardino-Balkarien wohnen rund 900.000 Menschen. Etwa 70% der Bevölkerung sind sunnitische Muslime, der Anteil der russischstämmigen Bevölkerung nimmt stetig ab und lag im Jahr 2020 bei knapp 20 Prozent. Im Krieg gegen die Ukraine sind die Bewohner extrem zurückhaltend, die Republik liegt in unserer Statistik der Kriegstoten in Abhängigkeit von der Bevölkerung auf den ganz hinteren Plätzen.

Es ist Anfang Mai im Bezirk Elbrus und im Dorf Kendelen mit rund 7.000 Bewohnern findet eine Gedenkveranstaltung statt. Eine Delegation des Motorradclubs "Nachtwölfe" ist extra gekommen, um eine Tafel für die im Krieg gegen die Ukraine getöteten Bewohner einzuweihen. Wir geben den Bericht der Bezirksverwaltung im übersetzten Original wieder. Von den elf veröffentlichten Namen waren uns acht unbekannt.

MarinesWolgograd

Ein Telegram-Kanal der Marineinfanteristen von Sewastopol auf der Krim veröffentlicht hin und wieder Meldungen von gefallenen Soldaten der Marine. Aktuell wurde ein Video veröffentlicht, das 100 im Krieg gegen die Ukraine getöteten Marinesoldaten vorstellt, die aus der Region Wolgograd kommen. Im Gegensatz zu anderen ähnlichen Videos enthält dieses etwas mehr Informationen über die gefallenen Soldaten. Wir konnten 38 neue Namen in unsere Datenbank eintragen.

Jurij Maximowitsch Witsinets -- Danijar Baktiarowitsch Kereibajew -- Denis Alexandrowitsch Moschaitsew

Soldaten im Wehrdienst wurden durch Täuschung und Drohungen dazu gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben

Drei Russen, Soldaten im Wehrdienst im Alter von 18 bis 19 Jahren, haben das obige Video aufgenommen, in dem sie berichten, dass sie durch Täuschung dazu gezwungen wurden, unbefristete Verträge in Burjatien zu unterschreiben. Nachdem sie in der 37. separaten motorisierten Schützenbrigade der Militäreinheit 69647 in der Stadt Kjachta angekommen waren, begann der Zugführer, die Wehrpflichtigen mit der Versetzung an die Front und faktisch mit dem Tod zu bedrohen.

Die Angehörigen aller drei Soldaten berichteten, dass ihnen wegen ihrer Weigerung, den Vertrag zu unterschreiben, damit gedroht wurde, sie in die Region Kursk zu bringen und „auszulöschen“.

Pokrowsk

Zentrum von Pokrowsk  vor der russischen Zerstörung -- Foto: MOs810 -- Lizenz: CC BY-SA 3.0

Pokrowsk ist eine Stadt in der Region Donezk, um die zur Zeit heftig gekämpft wird. Die Stadt hatte ursprünglich mal 60.000 Einwohner, fast alle Bewohner haben inzwischen die Ruinen der Stadt verlassen. Die Situation für die ukrainischen Verteidiger hat sich angeblich in letzter Zeit verschlechtert, die russische Propaganda berichtet täglich von neuen Geländegewinnen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit:  Der russische Kanal ZOW Insider, der aktuelle Verlustlisten der russischen Soldaten erstellt, hat  am 23. Juli einen wütenden Bericht veröffentlicht, den wir hier übersetzt dokumentieren:

Wir sind wieder im "Autonomen Kreis der Tschuktschen" - kurz Tschukotka - im fernen Nordosten Russlands. Der Gemeindebezirk Anadyr ist die größte Untereinheit in Tschukotka mit einer Fläche etwa vier mal so groß wie Bayern. In dieser riesigen Fläche gibt es gerade mal 12 Gemeinden mit rund 8.800 Bewohnern. Und wahrscheinlich ist auch diese Zahl übertrieben, da die Einwohner häufig ganz woanders in Russland arbeiten und leben und nur noch pro forma in den kleinen Dörfern gemeldet sind. Die Hauptstadt Tschukotkas, Anadyr, gehört nicht zum Gemeidebezirk.

Der Bezirk hat ein viel zu langes Video mit den 43 im Krieg gegen die Ukraine gefallenen Bewohner veröffentlicht. Wir veröffentlichen die Screenshots über die einzelnen Gefallenen zusammen mit dem übersetzten Text. In der Summe ergibt das einen guten Überblick über die Männer, die in den weit entfernten Krieg gezogen sind und dessen Ursache sie wohl nicht begriffen haben. Die einzeln beschriebenen Heldentaten werden irgendwann in der Reihe "Grimms Märchen" gesammelt veröffentlicht.

Emil Arturowitsch Renk

Emil Arturowitsch Renk (Ренк Эмиль Артурович) lebte in Syktywkar, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Komi. Emil wurde 24.12.1989 geboren. Trotz zweier VKontakte-Seiten und einer weiteren bei Odnoklassniki ist privat wenig bekannt, allerdings lässt sich entfernt auf eine russlanddeutsche Herkunft schließen. Emil arbeitete im Schichtdienst, meldete sich im Oktober 2023 freiwillig und wurde am 14. Mai 2025 getötet.

Jewgeni Alexandrowitsch Zimmermann

Jewgeni Alexandrowitsch Zimmermann (Цимерман Евгений Александрович), geboren am 18.12.1982, lebte in Murmansk. Keine russlanddeutsche Herkunft feststellbar. Dafür war Jewgeni Stammgast bei der Murmansker Gerichtsbarkeit. Neun Zivilverfahren, vier Bußgelder und ein Strafverfahren wurden registriert. Zudem war er bei zwei weiteren Strafverfahren beteiligt.
Am 18.09.24 verschwand Jewgeni an der Front, im April 25 wurde er bestattet.

Erich Frei

Das ist Erich Frei (Фрай Евгений Витальевич), der auf dem Foto die russische Flagge schwenkt. Erich ist ein Russlanddeutscher, der allerdings ziemliche familiäre Probleme hatte. "Seine Kindheit könne man kaum als wolkenlos bezeichnen", heißt es wolkig im Nachruf.  Erich, geboren am  02.09.2002, ging in Omsk zur Schule, sein weiterer Lebensweg bleibt im Nebel. Am 5. September 2024 zog er in den Krieg, bereits am 26. Oktober war er tot.

41Das vom ukrainische Staat initiierte/unterstützte Projekt „Ich will leben“ hat heute drei Tabellen veröffentlicht, die nach den Angaben der Initiative, von der russischen Armee erstellt wurden. Die Tabellen enthalten Statistiken über desertierte, gefallene und vermisste Soldaten der 41. Armee der Russischen Födertation zum Stand 1. Juni 2025.

Im Moment befinden sich die russischen Truppen in der Ukraine auf einem stetigen, wenn auch langsamen Vormarsch (Britischer Geheimdienst vom 17.07.25). Die veröffentlichen Dokumente zeichnen aber ein düsteres Bild vom Zustand zumindest der 41. Armee. Danach hätte sie bis zum 1. Juni 25 mindestens 8.625 Gefallene, 10.491 Vermisste und 7.846 Deserteure zu verzeichnen.

Wir können diese Tabellen nicht auf ihre Authentizität überprüfen. Wir haben allerdings bereits zwei lange Tabellen über gefallene Soldaten der „Schwarzen Husaren“ und der 30. separaten Motorschützenbrigade bearbeitet, die das Projekt „Ich will leben“ veröffentlicht hatte und konnten deren Angaben verifizieren.

Die russischen Behörden weigern sich, freigelassene Gefangene nach Hause zurückzuschicken

GefangeneZurück

Nach einem der größten Gefangenenaustausche im Mai 2025 – 1000 gegen 1000 Soldaten – berichten die Angehörigen der zurückgekehrten Soldaten, dass ihre Ehemänner, Brüder und Söhne nicht einmal für einen Tag nach Hause zurückgebracht wurden. Sie wurden zurück an die Front gebracht, darunter auch Schwerverletzte.

Die Kommunistische Partei Russlands verfügt nach der Partei "Einiges Russland" über die zweitgrößte Fraktion im russischen Parlament. Die Partei hat im ganzen Land etwa 160.000 Mitglieder und gilt als einigermaßen politisch selbständige Kraft in Russland. Sie unterstützt aber auch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, obwohl nicht alle Mitglieder damit einverstanden sind.

Mit einer Schweigeminute gedenkt der Parteitag den aktuell 154 Mitgliedern, die im Krieg gegen die Ukraine getötetet wurden.  Wir dokumentieren das Video dazu, denn aus dieser Präsentation konnten wir 24 neue Namen in unsere Statistik der Kriegstoten aufnehmen.

Alischer Esetowitsch IdrisowAlischer Esetowitsch Idrisow wäre eigentlich ein Kandidat für unsere Rubrik Kriegsbilder. Er wurde am 6. Juni 2006 im Dorf Kzyl-Agasch, Bezirk Moskalenski, in der Region Omsk geboren. Das Dorf ist eigentlich ein Aul, also eine recht chaotische Ansammlung von Häusern, die entstanden ist, als die nomadisch lebenden Bewohner der Region sesshaft gemacht wurden. Das Dorf wurde im Jahr 2010 von 237 Menschen kasachischer Abstammung bewohnt.

Alischer war ein guter Schüler, nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung an einer Berufsschule in Omsk im Fach „Bau und Betrieb von Gebäuden und Bauwerken“ (pdf). Offensichtlich hat er die Lehre abgebrochen, musste folglich seinen Wehrdienst ableisten und wurde im November 2024 zu einem Zeitvertrag "überredet".  Am 13. Mai 2025, also etwa ein halbes Jahr später, wurde Alischer im Krieg gegen die Ukraine getötet.

Der örtliche Ableger der russischen Staatspartei "Einiges Russland" hat zum Tod von Alischer einen Nachruf verfasst, der eindrucksvoll genau in das Propagandaschema passt, das wir in unserer Zusammenfassung des Monats Juni 2025 beschrieben haben: "Im Krieg sterben eben auch unsere Soldaten!" Die toten Soldaten werden propagandistisch überhöht, die lebenden Soldaten werden an der Front skrupellos verheizt.

Wir dokumentieren den Nachruf in deutscher Übersetzung:

Arbeitstitanen

Heute besuchen wir eine staatlich organisierte Jugendgruppe in der westsibirischen Großstadt Tscheljabinsk. Die "Arbeitstitanen" des Jugendzentrums „Junost“ säubern in ihrer Freizeit Spielplätze, öffentliche Wege und die Umgebung von Kindergärten. Zur Belohnung erfahren sie dann von einem ehemaligen Soldaten der "Speziellen Militäroperation (SWO)" alles was junge Menschen über Kriege und Waffen wissen müssen - Tod und Verstümmlung natürlich ausgenommen.

Der VKontakte-Beitrag vom 23.06.25 im übersetzten Original:

Ramis Miniradikowitsch Achmetschin

Gerade sind wir im Askinsky Bezirk in Baschkortostan, der im Norden der russischen Teilrepublik liegt. Im Dorf Utjaschin wohnten im Jahr 2017 noch etwa 182 Menschen. Neuere Zahlen gibt es nicht, aber die Einwohnerzahl nimmt stetig ab. Im Hof der Familie Achmatschin findet eine Abschiedszeremonie statt für Ramis Miniradikowitsch Achmetschin, der im Krieg gegen die Ukraine getötet wurde. Ramis, geboren am 20.11.1997, hatte sich freiwillig zum Kriegsdienst verpflichtet.

Staraja Kulatka

Staraja Kulatka ist ein Dorf städtischen Typs im Süden der Oblast Uljanowsk, seine Bewohner sind überwiegend Tataren. Um die Jahrtausendwende lebten noch 6.000 Menschen im Dorf, heute sind es nur noch 4.000.

Am 17. Juni 25 wurde im Dorf  Ildar Rawilewitsch Achtjamow bestattet, der im Krieg gegen die Ukraine getötet wurde. Ildar war ein Sturm-V Soldat, die peinliche Tatsache wurde im Nachruf verschwiegen. Im Juli 2023 war er zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Beim Kauf von gebrauchten Autoteilen hatte er Streit mit dem Verkäufer und verprügelte ihn mit einem Mittäter. Danach setzten sie das Opfer in ein Auto und warfen ihn schließlich in den Fluss. 

Jede zweite Schicht in Russland sitzt derzeit ohne Bezahlung fest

Schichtarbeiter

Schichtarbeiter

In diesem Monat wurde ein weiterer Fall von Nichtzahlung von Gehältern bekannt. Die Hafenarbeiter der Mine „Spiridonowskaja“ sprechen von einer Verzögerung von mehr als drei Wochen – die Mine selbst steht kurz vor dem Bankrott. Im Frühjahr konnten die Mitarbeiter der Firma „Zimtek“ mehrere Monate lang nicht von Tschukotka nach Hause fliegen – das Unternehmen weigerte sich, sowohl die Gehälter zu zahlen als auch die Tickets zu kaufen. Über ähnliche Situationen berichteten der Redaktion Schichtarbeiter von mindestens zwei weiteren Unternehmen.

Aus der Republik Mordwinien haben wir bisher selten berichtet. Die Mordwinen sind ein finno-ugrisches Volk, das in der russischen Teilrepublik etwa 40% der Bewohner stellt. Aus Mordwinien (oder Mordowien) kommt eine unterdurchschnittliche Zahl von Toten im russischen Angriffskrieg. Die Hauptstadt ist Saransk, die zusammen mit der zweitgrößten und nicht weit entfernt liegenden Stadt Rusajewka das wirtschaftliche Zentrum Mordwiniens bildet. Das Dorf Susgarje, aus dem wir berichten, ist nur sieben Kilometer  von Rusajewka entfernt.

Aus Susgarje kam ein junger Rapper mit recht dubiosem Lebenslauf. Über Nikita Doroschkin, der sich den deutschen Namen "Bastard" gab, handelt dieser Beitrag.

Wie Russen durch die Hand von Kriegsheimkehrern ums Leben kommen

Ilja Bykow Dieser Beitrag besteht aus zwei Teilen. Zunächst der Artikel von Oknopress über die Morde von Kriegsteilnehmern, die von der Front nach Hause zurückgekommen sind. Oknopress beleuchtet dabei vier von einander unabhängige Fälle.

Im zweiten Teil dokumentieren wir die 138 Kommentare auf einen Beitrag im russischen Odnoklassniki (Klassenkameraden), der sich ebenfalls auf  einen der vorgestellten Fälle bezieht - den Tod von Ilja Bykow. Die Kommentare geben ganz gut die Spannbreite des Denkens der russischen Bürger wieder. Diese mussten bei kritischen Kommentaren in diesem Zusammenhang keine Rücksicht darauf nehmen, eventuell wegen Diskreditierung der russische Armee belangt zu werden.

Das Grab von Ilja Bykow

Go to top