Wie schwer verwundete mobilisierte Soldaten an die Front geschickt werden

SoldatenAufKruecken

Verwundete russische Soldaten, selbst auf Krücken, werden an die Front zurückgebracht

Im April zeichnete das Militär in einer Militäreinheit in Leningrad Luga ein Video auf, in dem Dutzende von verwundeten Soldaten auf Krücken, ohne Beine und ohne Arme oder ein Auge an die Front geschickt wurden. Alle von ihnen haben die Kategorie „D“ - untauglich für den Militärdienst.

Das Video könnte aufgrund der Absurdität des Geschehens als Fälschung betrachtet werden, aber die Angehörigen von schwer verwundeten mobilisierten Männern berichten der Redaktion, dass auch absolute Invaliden „an die erste Front“ geschickt werden. Zu einem von ihnen, dem halb blinden Dzatte Mamitow, der wegen der gleichzeitigen Verwundung seiner Beine und seines Arms nicht einmal auf Krücken gehen kann, haben die Angehörigen am 10. April den Kontakt verloren; ein anderer - Alexej Kuptsow aus Burjatien - starb am 16. April an einem Schlaganfall, der durch den Zwang zum Dienst trotz seiner zahlreichen Verwundungen verursacht wurde.

„Für sie sind das keine Menschen, sondern Kanonenfutter“, erklären die Angehörigen der Mobilisierten das Geschehen.

Getötete Soldaten der 74. motorisierten Schützenbrigade, Jurga

Jurga ist eine russische Stadt im Westen Sibiriens am Fluss Tom, Oblast Kemerowo, mit 77.000 Einwohnern. Die Stadt liegt an der Hauptstrecke der Transsibirischen Eisenbahn. In dieser Stadt ist die 74. motorisierte Schützenbrigade stationiert.

Über die getöteten Soldaten der Einheit wurde ein KI-generiertes Video veröffentlicht, das in seiner Anmutung versucht, die Konsequenzen des Krieges zu verschleiern oder zu leugnen. Denn all die ins Bild gesetzten Soldaten kommen schrecklich verstümmelt, verbrannt oder verwest zurück.

Inguschetien nimmt Abschied von drei in der Ukraine getöteten Soldaten

In Inguschetien verabschiedeten sie sich von drei weiteren im Krieg in der Ukraine gefallenen Soldaten. Wie die Regierung mitteilte, fanden in der Republik die Beerdigungen von Ilez Chamchojew (aus dem Dorf Troitskoje), Adam Gutseriew (aus Karabulak) und Chamsat Kartojew (aus Malgobek) statt, „die im Gebiet einer speziellen Militäroperation ums Leben kamen“.

Artur KorsunowArtur Korsunow ist der Sekretär der Partei "Einiges Russland" in der Stadt Salsk. Die Stadt hat rund 58.000 Einwohner und liegt im Süden der Region Rostow nahe der Grenze zur russischen Teilrepublik Kalmückien. Der Kreis ist landwirtschaftlich geprägt mit sporadischer Industrie und einem Eisenbahnknotenpunkt.

Unser Sekretär Artur ist 51 Jahre alt, interessiert sich für Fußball und bereitet gerne Hähnchen zu - mit wechselndem Erfolg. Ansonsten dokumentiert er seine Aktivitäten auf einer gut gepflegten Rubrik bei VKontakte.

Dazu gehören auch die zahlreichen Begräbnisse von Teilnehmern am russischen Angriffskrieg in der Ukraine, bei denen der Parteisekretär patriotische Reden halten und seine Anteilnahme aussprechen darf.

Wir dokumentieren nachstehend dreizehn Beisetzungen von Bürgern der Stadt und dem Kreis Salsk beginnend ab März 2025:

 

Sortawala Anlegestelle

Anlegestelle in Sortawala am Ladogasee -- Foto: Александровы АГ -- Lizenz: CC BY 4.0

Sortawala ist eine Kleinstadt in Karelien mit knapp 15.000 Einwohnern - Tendenz fallend. Sie gehörte früher zu Finnland und wurde im sogenannten Winterkrieg von der Sowjetunion erobert. Sortawala liegt am Nordufer des Ladogasees, dem größten See Europas.

Der gesamte Bezirk Sortawala hat rund 24.000 Bewohner und auch aus dieser Region werden Soldaten im Krieg gegen die Ukraine getötet. Uns liegt ein Film vor, der 49 gefallene Soldaten aus dem Bezirk zusammenfasst, davon waren sechs Namen uns bisher unbekannt.

AlienWar"Aktion 5.000 Baschkiren"

Antikriegsaktivisten ist eine beeindruckende Aktion in Baschkortostan gelungen. Unter dem patriotischen Namen „Komitee der Familien der Soldaten des Vaterlandes der Republik Baschkortostan“ haben sie Briefe an die Leitungen von Schulen und Bibliotheken geschrieben, mit der Bitte an einer Aktion mit dem Namen "5.000 Baschkiren" teilzunehmen. Stattfinden sollten die Veranstaltungen am 9. Mai 2025, dem russischen Feiertag, an dem das ganze Land den Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" - also dem 2. Weltkrieg - feiert.

„Im Rahmen des Jahres des Verteidigers des Vaterlandes und des 80. Jahrestages des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg wenden wir uns mit der Initiative an Sie, eine gemeinsame Gedenkveranstaltung zu Ehren der Helden der neuen Ära abzuhalten – der im Militärdienst gefallenen Ureinwohner unserer Republik“, lautete der Text des Briefes.

Alexej Sokolow Der König ist nackt

Wir haben Alexej Sokolow bereits in unserer Rubrik Kriegsbilder vorgestellt. Er kam aus dem Dorf Bolschoje Schemjakino aus der russischen Teilrepublik Tatarstan. Das Dorf wird überwiegend von Tschuwaschen bewohnt.

Alexej war gerade 20 Jahre alt und hatte sich wahrscheinlich freiwillig zum Krieg in der Ukraine gemeldet. Er wurde am 13. April 25 getötet und bereits am 23. April in seinem Heimatdorf bestattet.

Zu der kurzen Telegram-Meldung (Screenshot links) über Alexej gab es immerhin 140 Kommentare.

Die Beileidsfloskeln und betenden Hände, die sich darunter befinden,  geben wir nicht wieder.

Die deutschen Namen unter den russischen Kriegstoten im April 25

Wir haben dieses Foto am 24. August 2024 veröffentlicht. Es zeigt die Beisetzung des mobilisierten Fjodor Gerlein, geboren am 26. Juni 1976 in Kasachstan, der am 11. August 24 im Dorf Schurawlewka in der Region Saratow begraben wurde. Die englischsprachige "Moscow Times" hat mit diesem Foto einen Bericht über die Russlanddeutschen aufgemacht, die im Krieg gegen die Ukraine getötet wurden.

Anfang April 25 haben wir  beim Auswärtigen Amt  und bei der Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten angefragt, ob ihnen Erkenntnisse über den doch ungewöhnlich hohen Anteil an deutschen Nachnamen unter den russischen Kriegstoten vorliegen.

Zumindest das Auswärtige Amt hat sich um eine Antwort bemüht, die Beauftragte der Bundesregierung Natalie Pawlik allerdings hat die Angelegenheit nicht interessiert und war wohl mehr um ihre Karriere zur Staatsministerin bemüht.

Schule 6

Heute wollen wir eine Schule in der Stadt Petropawlowsk-Kamtschatski besuchen.  Wir befinden uns im ganz fernen Osten Russlands auf der Halbinsel Kamtschatka, Petropawlowsk-Kamtschatski ist die Hauptstadt der Region mit 163.000 Einwohnern. Die Sekundarschule Nr. 6 feierte vorab den 80. Jahrestag des Sieges im 2. Weltkrieg und gedachte zweier Schulabsolventen, die im letzten Jahr im Krieg gegen die Ukraine getötet wurden.

Alexander Fjodorowitsch Jassaschi (08.08.1999 - 26.10.2024) und Danil Andrejewitsch Ischkow (02.09.2002 - 29.08.2024) meldeten sich beide freiwillig zum Militär, Alexander allerdings bevor Russland in die Ukraine einmarschierte. Beide hatten sich sicher eine bessere Zukunft vorgestellt, als als Propagandaposter auf einem Schülerschreibtisch zu enden.

Wir geben den Bericht der Schule vom 7.5.25 übersetzt wieder:

Panzerfahrer aus Tatarstan

Kleine Panzerbesatzungen aus Tatarstan

Zu Beginn dieser Woche, in Vorbereitung des 80. Jahrestages des Siegs im 2. Weltkrieg (Großer vaterländischer Krieg), ließen es sich zahlreiche Kindergärten in ganz Russland nicht nehmen, mit ihren Kindern eine eigene Siegesparade abzuhalten. Die Kleinen wurden in Militäruniformen der verschiedenen Waffengattungen gesteckt, die Erzieher übten das Exerzieren und die Eltern standen applaudierend Spalier.

Bei einer Suche in den sozialen Medien fanden wir 28 solche Veranstaltungen in 22 russischen Regionen. In vielen Fällen beteiligten sich mehrere Kindergärten an einer Parade. Damit kann man gesichert sagen, dass die von uns bereits vorgestellten militärischen Kinderparaden keine Einzelfälle darstellen. Die Kinder spielen Kampftruppen, Fallschirmjäger, Marinesoldaten und Sanitäter. Was allerdings fehlt sind Darstellungen, in welchem Zustand diese Soldaten wieder nach Hause kommen - mehr oder weniger stark verletzt oder im Zinksarg.

Nachfolgend ein paar Beispiele:

Wladiwostok Sieg

Ganz im Osten Russlands feierte die Region Primorje am 4. Mai 25 den 80. Jahrestag des Sieges im zweiten Weltkrieg. Aus der ganzen Region Primorje wurden 1.500 Erstklässler mit Bussen nach Wladiwostok gefahren, um an der Parade teilzunehmen.

Die Veranstaltung stand unter dem Motto "Urenkel des Sieges" und war die erste ihrer Art in der gesamten Region.

Manche Dinge können wir uns nicht ausdenken, sind aber Realität in einem militaristischen System: Die Parade eines Kindergartens in der russischen Teilrepublik Dagestan zum Sieg im 2. Weltkrieg.
Und zu unserer Beruhigung können wir feststellen - immerhin fährt der kleine General ein Mercedes-Cabrio.

Seversk Tomsk Oblast Russia

Straße in Sewersk, Oblast Tomsk -- Foto: alvgor -- Lizenz:  CC BY 3.0

Die Stadt Sewersk in der sibirischen Oblast Tomsk dürfte nicht von westlichen Besuchern überlaufen sein. Sewersk hat 105.000 Bewohner und den Status einer geschlossenen Stadt. Hauptarbeitgeber der Stadt ist das "Sibirische Chemiekombinat GP" mit zwischen 15.000 und 20.000 Beschäftigten. Ein Teil der Produktion besteht in der Anreicherung  von Uranhexafluorid - der Stoff, aus dem auch die Kernwaffen bestehen.

Eine deutsche Firma hat zwischen 1996 und 2008 mehr als 27.000 Tonnen Uranhexafluorid aus der deutschen Urananreicherungsanlage Gronau nach Sewersk geliefert, nur 15% davon kamen wieder zurück.

Wir wollen in Sewersk eine Schule für Behinderte besuchen. Am 2. April 25 fand dort die feierliche Einweihung von drei "Heldenschreibtischen" statt.  Drei ehemalige -behinderte - Schüler wurden in den Krieg gegen die Ukraine geschickt und kamen im Zinksarg zurück. Die Entsendung von geistig behinderten Männern in den Krieg hat im unmenschlichen Russland System. Wir verweisen auf unsere anderen Beiträge zu diesem Thema (1, 2, 3).

Der jüngste gefallene Soldat ist Jewgeni Aleksejewitsch Bojtschuk, gerade mal 18 Jahre alt.

Wir dokumentieren einen übersetzten Bericht der Zeitung Dialog vom 1. Mai 2025 und ein Video von jener Einweihung der Heldenschreibtische, dem wir keine übersetzten Untertitel beifügen. Der Inhalt der Reden ergibt sich aus dem Text.

Roman Iwanischin

Roman Iwanischin mit seinem Enkel

15 Jahre Haft für freiwillige Kapitulation

Ein Gericht in Sachalin hat Roman Iwanischin, der als erste Person in Russland der freiwilligen Kapitulation angeklagt wurde, zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Roman wurde der freiwilligen Kapitulation und der Desertion für schuldig befunden, berichtet Kommersant unter Berufung auf eine Quelle.

TodesFeldDie voraussichtliche Zahl der von uns erfassten russischen Kriegstoten im April werden wir etwa am 3. Mai vorlegen können. Unsere genauere Zusammenfassung wird innerhalb der darauf folgenden Woche erscheinen.

Ein paar Erkenntnisse vorab

  • Die Zahl der von uns erfassten russischen Kriegstoten ist zurück gegangen, bleibt aber auf hohem Niveau. Wobei wir auch im Monat April wieder viele Altfälle in unsere Listen aufgenommen haben.
  • Russland hat seine Angriffe auf die ukrainischen Stellungen etwas zurück gefahren. Die Taktik ist allerdings gleich geblieben – das russische Militär nimmt dabei hohe Verluste in Kauf.
  • Viele russische Angriffe finden ohne oder mit wenigen gepanzerten Fahrzeugen statt

Kamtschatka iDer Kult um die im Krieg gegen die Ukraine getöteten Soldaten treibt in Russland die merkwürdigsten Blüten, junge Frauen tanzen ein Todesbalett, martialische Gedenkveranstaltungen mit sowjetischer Anmutung und Videos von einfältiger Regie bis durch künstliche Intelligenz aufgepeppt.

Wir reiben manchmal verwundert unsere westlichen Augen und können ein bescheidenes Grinsen nicht verhindern - trotz dem doch eher bedrückenden Thema. Heute wollen wir zwei solcher Machwerke vorstellen, die uns zumindest befremdlich erschienen.

  • Ein Video über die Kriegstoten von Kamtschatka - mit KI aufgepeppt
  • Eine Gedenkveranstaltung der Stadt Georgijewsk in der Region Stawropol, die uns an einen Monty Python Sketch erinnert

Debin Siberia

Kolyma, Siedlung Debin (ca. 450 Einwohner) im Herbst 2004 -- Foto: Oxonhutch -- Lizenz: CC BY 2.5

Der Kolyma ist ein Strom im Nordosten Sibiriens - etwas kürzer als die Donau. Er fließt durch drei Teile der Oblast Magadan, weiter im Norden durch Jakutien (Sacha) und mündet schließlich in die Ostsibirische See. Mitte Oktober friert der Strom zu und taut erst Ende Mai wieder auf. Dann sind etwa 2.000 km schiffbar und dienen der Versorgung der Bevölkerung in dieser abgelegenen Region.

Bis zum Jahr 1987 gab es in der Region um den Kolyma Straf- und Kriegsgefangenlager des Gulag. Viele Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs trafen dort nach Hunderte Kilometer langen Fußmärschen in der eisigen Kälte ein und verbrachten Jahre oder auch Jahrzehnte in den sibirischen Bergen, um Gold, Zinn oder Uran ans Tageslicht zu befördern. Die Lager in Kolyma galten als die schlimmsten in ganz Russland und die Lebenserwartung war hier besonders niedrig. 

Auch heute bezeichnen sich die Menschen der Oblast Magadan als Kolyma-Bewohner. Es ist eine historische Region in Russland und umfasst die Region Magadan und Teile Jakutiens. Und auch aus dieser Region sterben Männer im Krieg gegen die Ukraine, bis Ende März 25 hatten wir 166 Kriegstote erfasst. Wir stellen einige aktuelle Beispiele vor:

WehrPflicht Russland

Am 1. April 25 fand in Russland die turnusmäßige Einberufung der Wehrdienstleistenden statt. Diesmal wurden 160.000 junge Männer eingezogen, zehntausend mehr als im Jahr zuvor. Nach einem neuen Gesetz wurde der Zeitraum vergrößert, in dem junge Männer verpflichtet werden können – statt zwischen 18 und 27 Jahren jetzt bis zum Alter von 30 Jahren.

Wehrpflichtige dürfen nicht im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt werden. Sie sterben trotzdem, bei der Grenzsicherung, bei der Logistik für die kämpfende Truppe, durch Gegenfeuer der Ukraine, wenn aus dem Grenzgebiet heraus geschossen wird und natürlich auf Grund der aggressiven Methoden der Ausbilder, die die jungen Männer in einen Militärvertrag zwingen.

Drei Beispiele aus unserer Berichterstattung:

Birsk Kaufmannshaus

Haus des Kaufmanns Romadin, Leninstraße in Birsk -- Foto: Azmanova Natalia -- Lizenz: CC BY-SA 4.0

"Das vergangene Jahr verlief nicht ohne Verluste", so begann die Jahresbilanz des Landrats, in der er einhundert Tote im Krieg gegen die Ukraine aus seinem Verwaltungsgebiet vorstellte. Wir befinden uns im Landkreis Birsk in Baschkortostan. In der Stadt Birsk leben etwa 44.000 Bewohner, dazu kommen noch einmal die 17.000 Einwohner des Bezirks. Die Menschen im Bezirk sind vorwiegend ethnische Russen, bedeutende Minderheiten sind die Mari, Tataren und Baschkiren.

Auf einer Bezirksratssitzung am 27. Februar 25 stellte der Landrat die getöteten Kriegsteilnehmer des Bezirks namentlich vor. Uns waren 26 Namen bisher unbekannt.

Dies ist ein kurzes Video aus einer russischen Quelle. Der Film soll eine russische Evakuierungsgruppe zeigen, die während des „Osterfriedens“ aktiv war.

Nach ihren Angaben wären sie auf demselben Feld mit ukrainischen Kämpfern spazieren gegangen, hätten sich unterhalten und Meinungen ausgetauscht. Alle wären unbewaffnet gewesen, hätten Armbinden mit roten Kreuzen getragen und jeder hätte seine Toten evakiert.

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