Anjuisk

Dorf Anjuisk im Autonomen Kreis der Tschuktschen -- Foto: AlGaman  -- Lizenz: CC BY-SA 3.0

Das Dorf Anjuisk liegt im Nordwesten des Autonomen Kreises der Tschuktschen an der Grenze zu Republik Sacha (Jakutien). Im Gegensatz zu vielen anderen Dörfer der Region besteht die Bevölkerung mehrheitlich aus Ewenen. Doch die Bevölkerung nimmt stetig ab, im Jahr 2023 lebten noch 380 Menschen im Dorf. Anjuisk liegt 255 km vom Bezirkszentrum Bilibino und 800 km von der Hauptstadt Anadyr entfernt. Die durchschnittliche Tagestemperatur über das ganze Jahr hinweg beträgt -6,7° Celsius.

Einer der Bewohner des Dorfes war Wsewolod Alexejewitsch Nesterow, geboren im Jahr 1990, verheiratet, drei Söhne, gefallen am 4. Juli 2025 im Krieg gegen die Ukraine. Seine Geschichte wollen wir heute erzählen.

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 Konergino mit einem Quadcopter fotografiert -- Foto: Thabigd -- Lizenz: CC BY-SA 4.0

Das Tschuktschen-Dorf Konergino liegt etwa 200 km nördlich von Anadyr, dem Verwaltungszentrum des Autonomen Kreises der Tschuktschen. Es gibt keine Straßen hin zum Dorf. Über den Sommer kann man das Dorf mit dem Schiff erreichen, in der kalten Jahreszeit gibt es eine Winterstaße über die zugefrorene Bucht und ansonsten fliegt ein Hubschrauber gelegentlich das Dorf an.

Die Haupterwerbszweige der Einheimischen sind Rentierzucht und Fischerei. Viele Gebäude im Dorf befinden sich in einem baufälligen Zustand, Alkoholismus ist im Dorf verbreitet und die Menschen wandern ab. Im Jahr 2001 lebten noch 460 Menschen im Dorf, im Jahr 2021 waren es nur noch 262 Bewohner. So ist es ein leichtes Unterfangen, mit viel Geld junge Menschen aus diesem abgelegenen Dorf  für den Krieg in der Ukraine zu rekrutieren. Jetzt wurde der Tod des 19-jährigen Juri Ettywal bekannt.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat im Land unvorstellbare Umweltschäden angerichtet. Die Schutzhülle um das ehemalige Kernkraftwerk Tschernobyl wurde beschädigt, der Kachowka-Staudamm wurde gesprengt und hat hunderte Quadratkilometer Land überflutet und landwirtschaftliche Nutzfläche zerstört.  Die Erde im Kriegsgebiet ist von Granat- und Bombensplittern durchzogen, überall finden sich giftige Rückstände von Artilleriemunition. Zehn Millionen Hektar Land sollen in der Ukraine davon betroffen sein.

Aktuell geht die Ukraine verstärkt gegen die Erdöl- und Erdgasindustrie Russlands vor, deren Erlöse den Krieg am Laufen halten. Zunächst wurden in der Region um St. Petersburg Erdöl verarbeitende Anlagen zerstört, Ende April bis Anfang Mai zerstörten ukrainische Drohnen Erdölanlagen in Tuapse am Schwarzen Meer und in der Stadt Perm im Ural. Die Anlagen gingen in Flammen auf und verpesteten die Luft, ein Film aus schwarzem giftigem Ruß und Öl legte sich über die gesamte Umgebung. Die Behörden zeigten sich völlig unvorbereitet und wiegelten ab.

Acht Kurzzeitsoldaten aus Burjatien

Wir haben Lebensläufe von acht Kurzzeitsoldaten in einem Beitrag zusammengefasst, damit unsere Kurznachrichten-Rubrik nicht überläuft. Alle Kriegstoten stammten aus Burjatien und wurden etwa Mitte März 2026 bestattet.

Und nein - Burjatien ist kein Sonderfall, burjatische Soldaten werden nicht bevorzugt auf sogenannte „Fleischangriffe“ geschickt. Solch schneller Tod betrifft russische Soldaten aller Regionen, nur Burjatien dokumentiert seit Beginn des Krieges sehr ausführlich die Vita ihrer Gefallenen.

In anderen Regionen Russlands werden solche Nachrichten gerne unterdrückt. In Baschkortostan zum Beispiel ist die Veröffentlichung von Daten, die auf tödliche Kurzeinsätze schließen lassen, ausdrücklich untersagt. Neue Zeitsoldaten könnten abgeschreckt werden.

Janrakynnot

Janrakynnot  --  Foto: NinaMalich -- Lizenz CC BY-SA 4.0

Janrakynnot ist ein kleines Dorf im Bezirk Prowidenski im Autonomen Kreis Tschukotka. Im gesamten Bezirk leben 3.700 Menschen, im Dorf Janrakynnot lebten 2015 noch 314 Personen. Die Siedlung wurde auf einem festen Felsen erbaut inmitten sumpfiger Tundra. Man blickt vom Dorf aus auf die Beringsee. Der Ort ist in der eisfreien Zeit nur auf dem Wasserweg oder per Hubschrauber erreichbar, ansonsten auch über eine Winterpiste von Prowidenija, die teils über die zugefrorene Meerenge verläuft.

Es gibt kaum Arbeit im hohen Nordosten Russland und das Leben ist hart für die Rentierhirten, Jäger und Fischer. Janrakynnot wird als das Chicago der Region bezeichnet. Alkoholismus und rauer Umgang untereinander gehören zum Alltag. Die Verwaltung der Region lockt diese Menschen mit guten Worten und viel Geld zum Vertragsdienst im Krieg gegen die Ukraine.

Aus diesem kleinen Dorf sind bereits sieben neun Einwohner im Krieg gegen die Ukraine gefallen.

Alexej Viktorowitsch Bondin Russland schickt weiter seine Jugend gnadenlos auf die Schlachtbank in der Ukraine. Unser heutiges Beispiel ist Alexej Viktorowitsch Bondin, geboren am 7. August 2007, aus der Stadt Mineralnyje Wody (Mineralwasser) in der Oblast Stawropol im Süden Russlands.

Alexej absolvierte eine Berufsausbildung an der örtlichen Zweigstelle des „Stawropoler Kooperativen Kollegs“, die er im dritten Studienjahr abbrach und sich freiwillig zum Kriegsdienst verpflichtete.

Das harte Vorgehen der Behörden gegen die beiden Menschenrechtsaktivistinnen Daria Jegerewa und Natalia Leonhardt lässt sich mit der politischen Situation in Russland erklären. Je länger der Krieg gegen die Ukraine dauert, um so mehr breitet sich die Unruhe unter den politischen Entscheidungsträgern aus. Alle haben gegenüber der Öffentlichkeit versichert, dass dieser Krieg gewonnen werde. Und dieser Sieg steht immer noch aus.

Der ehemalige Präsident und heutige stellvertretender Leiter des Sicherheitsrates der Russischen Föderation, Dimitri Medwedew, hat im Jahr 2023 die Notwendigkeit eines russischen Sieges so formuliert: „Wenn Russland die militärische Spezialoperation beendet ohne einen Sieg, dann wird es Russland nicht mehr geben, es wird in Teile zerrissen“. Und das ist nicht ganz unwahrscheinlich. Diese Angst vor dem Zerfall des riesigen Russlands begründet auch die Verfolgung jener beiden Mitglieder des Ureinwohner-Forums.

Daria Egereva Kostrova Olga 1Aktivisten für indigene Rechte werden des Terrorismus beschuldigt.

In Russland bereiten die Sicherheitskräfte einen Prozess gegen das Ureinwohner-Forum vor, einem Zusammenschluss von Experten und Verfechtern der Rechte indigener Völker.

Am 17. Dezember 2025 wurden in Jakutien, St. Petersburg, Altai und im Kusbass Wohnungen von Aktivisten durchsucht. Die beiden Menschenrechtsaktivistinnen Daria Jegerewa (Foto links) und Natalia Leonhardt wurden in Untersuchungshaft genommen. Ihnen wird die Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen (Artikel 205.5 Absatz 2 des Strafgesetzbuches). Den beiden Frauen drohen Haftstrafen zwischen zehn und zwanzig Jahren.

Teilnehmer der „Speziellen Militäroperation“, die auf dem Schlachtfeld ums Leben kamen und unter anderen tragischen Umständen

Die Liste der Kriegstoten wird hier ab Position 60 fortgesetzt. Übrigens: Die Nachnamen dieser Listen wurden bisher nach den kyrillischen Alphabet sortiert. Sollten wir weitere Todesfälle nachtragen, werden wir sie an das Ende dieser Liste setzen.

Die Toten des Bezirks Krasnotschikoisky in Transbaikalien -- Teil I -- Teil II -- Teil III

Teilnehmer der „Speziellen Militäroperation“, die auf dem Schlachtfeld ums Leben kamen und unter anderen tragischen Umständen

Die Lebensläufe der im Krieg gegen die Ukraine getöteten Soldaten sind natürlich geschönt. Negative Dinge werden verschwiegen. Die Autoren gaukeln eine heile Welt vor, in der nur positive Menschen vorkommen, die ehelichen Beziehungen liebevoll und stabil sind und die jungen Heranwachsenden - trotz teilweise widrigen Lebensumständen - sich im Leben durchsetzen können. Ehrlicherweise dürfte das auch in den Nachrufen aus unserem Lebensraum nicht anders sein.

Allerdings dürften der überwiegende Teil der Söldner der Gruppe Wagner ehemalige Insassen der örtlichen Haftanstalten gewesen sein. Und auch manche „Freiwillige“ zogen den Kriegsdienst einem Gefängnisaufenthalt vor. 

Überhaupt die Freiwilligen stellen den größten Anteil unter den Kriegstoten mit 79 Fällen (62%). Davon sind allerdings 36 (28%) sogenannte Kurzzeitsoldaten, die weniger als drei Monate an der Front überlebt haben. Unter den Kriegstoten sind weiter 18 mobilisierte Männer, 13 Söldner der Gruppe Wagner und neun Berufssoldaten.

Die Toten des Bezirks Krasnotschikoisky in Transbaikalien -- Teil I -- Teil II -- Teil III

Krasny Tschikoi

 Das Dorf Krasny Tschikoi in Transbaikalien -- Foto: Maxinvestigator -- Lizenz: CC BY-SA 4.0

Das Dorf Krasny Tschikoi ist das Verwaltungszentrum des Krasnotschikoisky Bezirks, der im Südwesten der Region Transbaikalien liegt. Der Bezirk hat rund 16.000 Bewohner, hat wenig Industrie und ist stark landwirtschaftlich geprägt. Der Bezirk liegt Luftlinie etwa 5.000 km östlich von Moskau, es ist also von dort ein weiter Weg zum Krieg in der Ukraine. Trotzdem sind bereits 128 Bewohner dieses kleinen, Menschen verlassenen Bezirks dort gefallen.

Das Dorf ist auch ein Mittelpunkt der Semeiskije, einer Glaubensgemeinschaft von priesterlosen Altgläubigen, die im 18. Jahrhundert nach Sibirien verbannt wurden, in den folgenden Texten werden die Männer dieses Glaubens als Semljak bezeichnet.

Die örtlich aufgestellte Liste aller Kriegstoten mit einer ausführlichen Einleitung zum Beginn dokumentiert außergewöhnlich gut, wie den Menschen dort ein völlig verzerrtes Bild jenes Krieges vermittelt wird. Wobei verzerrt eher untertrieben ist, die Menschen werden einfach über die Gründe und Ursachen des russischen Angriffskrieges belogen.

Die Toten des Bezirks Krasnotschikoisky in Transbaikalien -- Teil I -- Teil II -- Teil III

Maksim Aleksejewitsch Wjatkin

Wir befinden uns im westlichen Teil Sibiriens im Dorf Wwedenskoje in der Oblast Kurgan. Das Dorf hatte im Jahr 2010 noch knapp 600 Bewohner und die Menschen dort wandern weiter ab. Der Ort beherbergt eine Sonderschule für Kinder und Jugendliche mit meist geistigen Behinderungen. Das Foto zeigt fünf aktuelle Schüler der Einrichtung, die zusammen mit ihrem Lehrer das Grab von Maxim Wjatkin betreuen, einem Absolventen der Schule des Jahres 2024.

Trotz seiner Behinderung war Maxim tauglich genug, um einen Vertrag mit dem russischen Militär abzuschließen. Im Alter von 18 Jahren wurde er bei einem Angriff in der Ukraine getötet.

Anzeige VertragsdienstIn den ersten drei Monaten des Jahres 2026 waren die Rekrutierungsbemühungen des russischen Militärs nicht so erfolgreich wie im Jahr zuvor. Wenn man die Daten einiger Regionen auf ganz Russland hochrechnet, so wurden in diesem Zeitraum etwa 20% weniger Zeitsoldaten rekrutiert, verglichen mit den ersten drei Monaten des Vorjahres.

Laut Dimitri Medwedew, dem stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrates und Leiter der russischen Rekrutierungskommission, hätten bis 27. März 2026 mehr als 80.000 Menschen einen Vertrag mit dem russischen Militär unterzeichnet. Umgerechnet wären das etwa 930 Neurekrutierungen pro Tag, im gleichen Zeitraum im Jahr zuvor lag diese Zahl zwischen 1.000 und 1.200 pro Tag. 

Anfang April hat Russland den Tod von sechzehn Söldnern aus Kamerun bestätigt. Das Außenministerium des afrikanischen ​Landes teilte dies im staatlichen Rundfunk mit und forderte die betroffenen Familien auf, Kontakt mit den Behörden aufzunehmen. 

 Die veröffentlichten Todesfälle sind aber nur ein kleiner Teil der Todesfälle von Söldnern aus Kamerun. Bereits im September 2025 veröffentliche die ukrainische staatliche Initiative „Ich will leben“ eine Liste mit 124 Söldnern aus Kamerun, die sich als Zeitsoldaten beim russischen Militär verdingt hatten.

Heute legte die Initiative nach und veröffentlichte eine Liste mit 93 toten Soldaten aus Kamerun. Wir können diese Liste natürlich nicht verifizieren. Aus unserer Erfahrung heraus mit der Überprüfung von russischen Kriegstoten aus verschiedenen Einheiten, die von der Initiative veröffentlicht wurden, können wir sagen, dass jene Informationen bisher immer korrekt waren.

Das Video links zeigt afrikanische Soldaten in russischen Diensten vor einem Einsatz. Aus welchem Land die Söldner kommen, wissen wir nicht.

Afrikanische Söldner

Afrikanische Söldner bei der russischen Armee -- Foto:  Ukraine Frontline Daily

Über 1.000  kenianische Staatsbürger wurden für die Reihen der russischen Armee rekrutiert und werden im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt. Mitte Februar war deshalb der kenianische Außenminister Musalia Mudavadi in Moskau mit der Bitte, dass keine Staatsbürger seines Landes mehr für die russische Armee rekrutiert werden. Das wurde vom russischen Außenminister Lawrow zugesagt, führte aber zu einer schnellen Reaktion der russischen Armee.

DrohnenPiloten 3

Russland mangelt es an Soldaten im Krieg gegen die Ukraine. Deshalb sollen jetzt Studenten als Drohnenpiloten die Lücken füllen. Die russische Zentralregierung erwartet von allen höheren Bildungseinrichtungen im Land, dass sie zwei Prozent ihrer Studenten als Drohnenpiloten für den Krieg gegen die Ukraine rekrutieren.

Kuehe

Kuhherde -- Foto: Tobias Nordhausen -- Lizenz: CC BY-SA 4.0

Von Sibirien aus breitet sich in Russland eine Rinderseuche aus und erfasst immer mehr Regionen. Massenweise werden über das ganze Land Rinderbestände getötet, Bauern aus Nowosibirsk sind verzweifelt, verstecken ihre Rinder oder blockieren Straßen, die Behörden schweigen ob der Ursache. Halbamtlich wird über Pasteurellose-Fälle berichtet, aber diese Rinderkrankheit ist beherrschbar. Vermutlich handelt es sich um die gefährliche Maul- und Klauenseuche, amtlich bestätigt wird das nicht. So kursieren zahlreiche Verschwörungstheorien unter den betroffenen Bauern.

DrohnenPiloten 2

Militärische Drohne -- Foto: VKontakte

Seit Anfang des Jahres 2026 wurden in der russischen Teilrepublik Tatarstan 300 Personen rekrutiert, die als Drohnenpiloten ausgebildet werden und die die Angriffe der russischen Armee in der Ukraine unterstützen sollen.

Idrinskoje 1

Heute besuchen wir das große Dorf Idrinskoje in der Region Krasnojarsk. Das Dorf hat rund 5.000 Bewohner und liegt ziemlich abgelegen. Der nächste Bahnhof ist 120 km entfernt.

Aber auch diese Dorfschule zeigt, wie eng verwoben jene militär-patriotische Erziehung mit dem Schulsystem ist. Die Jugendarmee „Junarmija“ ist Teil des schulischen Freizeitangebots, der Krieg gegen die Ukraine Teil der schulischen Erziehung.

Mitte Februar 2026 wurden zwei „Heldenschreibtische“ eröffnet. Wir geben den Bericht der Schule übersetzt wieder:

Leningrad Rekrutierung

Im Februar 2026 zahlte die Oblast Leningrad noch drei Millionen Rubel, wenn ein russischer Bürger in einem Militärbüro der Region einen Zeitvertrag abschloss. Jetzt wurde die Antrittsprämie auf 4,5 Millionen Rubel (etwa 48.000 €) angehoben, wie in der angrenzenden Stadt St. Petersburg auch.

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