Maltschewskaja

Das Dorf Maltschewskaja entstand durch einen Bahnhof, der beim Bau der Strecke Woronesch-Rostow in den Jahren um 1870 eingeplant wurde. Heute hat das Dorf etwa 3.400 Einwohner und unter seinen wenigen Sehenswürdigkeiten befinden sich zwei Denkmäler. Das ältere erinnert an das Massengrab aus dem 2. Weltkrieg. Hier sollen 106 sowjetische Soldaten begraben sein. Frisch installiert wurde eine zweite Gedenkstätte, die an fünf getötete Soldaten aus dem Dorf erinnert, die im Krieg gegen die Ukraine getötet wurden. Eine sehr hohe Zahl für das kleine Dorf.

Russland braucht Soldaten, jeden Monat etwa 30.000 Neue, die die an der Front gefallenen und verletzten Männer ersetzen. Der russische Staat nimmt dabei alles was er bekommen kann - Nepalesen, Afrikaner, Wirtschaftsflüchtlinge aus den südlichen ehemaligen Staaten der Sowjetunion und vor allem eigene Bürger.

Das Durchschnittseinkommen in Russland betrug 2023 knapp 670 €, der Mindestlohn nur 200 €. In den vielen armen Regionen Russlands wird deutlich weniger als jenes Durchschnittseinkommen bezahlt. Die Menschen schuften im Schichtdienst in den Ölförderanlagen, Bergwerken und Minen, arbeiten bei kargem Lohn in den Landwirtschaftsbetrieben oder reisen für Saisonjobs über das weite Land. Und dann haben wir noch jene Außenseiter der Gesellschaft, Alkoholiker, Kleinkriminelle und andere Abgehängte - für all diese Menschen eröffnet sich plötzlich die Möglichkeit, einmal in ihrem Leben auf legale Weise richtig Geld zu verdienen.

In der folgenden Zusammenstellung dokumentieren wir ein aktuelles Vertragsangebot aus St. Petersburg vom 16. Juni 24. Für alle unsere Leser, die sich nicht für Details interessieren, St. Petersburg bezahlt bereits als Antrittsprämie das 1,6-fache eines durchschnittlichen russischen Jahresverdienstes. Der monatliche Verdienst der angeworbenen Soldaten beträgt mindestens das Dreifache eines russischen Durchschnittsverdienstes. Dazu kommen noch zahlreiche Prämien und Sozialleistungen.

Verschwiegen wird, dass jener Einsatz  für viele der Freiwilligen mit dem Tod oder einer schweren Verletzung endet.

Die Details:

Wladiwostok Mai24

Anfang Mai wurde diese Plakatwand in Wladiwostok aufgestellt. An dieser Stelle soll später ein Denkmal für die im Krieg gegen die Ukraine gefallenen Soldaten aus Wladiwostok entstehen. Von den 51 Namen auf dem Plakat waren uns acht bisher unbekannt. Ziemlich sicher sind bis heute auch noch ein paar Neue dazu gekommen.

 Die Namen sind auf dem Foto schwer zu identifizieren. Wir veröffentlichen deshalb auch die Detailaufnahmen.

Schule14 Heldenschreibtisch

Der Heldenschreibtisch der Schule 14 in Moskau. In der Mitte der Vater von Denis Gordonow

Während es über die Weiten Russlands ausreicht, als gewöhnlicher Soldat im Krieg gegen die Ukraine gefallen zu sein, um an der örtlichen Schule einen "Heldenschreibtisch" verpasst zu bekommen, gelten in der Hauptstadt Moskau weit höhere Hürden. In der Moskauer Schule Nr. 14 wurde am 8. Mai 24 bei einer Feier einem richtigen Oberstleutnant jene zweifelhafte Ehre zuteil. Denis Gorodnow, Rufzeichen "Baikal", hatte die Schule besucht und war am 20. Oktober 23 im Krieg gegen die Ukraine gefallen.

Dmitri Nikolaewitsch KazarinDass das Lesen all dieser Beiträge über Kriegstote eine ziemlich deprimierende Angelegenheit ist, wird niemand bestreiten. Doch hin und wieder finden sich Nachrichten mit einem hohen Unterhaltungswert. So wie dieser Beitrag auf VKontakte aus der Stadt Klin in der Region Moskau als übersetzter Originalbeitrag (leicht redigiert):

In Klin belauscht - 6. Juni 24 um 17:18 -- Link

Unser Landsmann Dmitri Nikolaewitsch Kazarin starb in der Zone des nördlichen Militärbezirks. Ein Mann, der gegen Ungerechtigkeit gekämpft hat, ein ehrlicher, dem Land ergebener Bürger. Lass die Erde für ihn sein....

Dmitri Wassiljewitsch Sacharow "Er lebte ein kurzes, aber würdiges Leben!", lautet die Überschrift eines Nachrufes für Dmitri Wassiljewitsch Sacharow. Der junge Mann wurde am 25. März 1999 im Bezirk Buguruslan der Oblast Orenburg geboren und wurde als Freiwilliger im Krieg gegen die Ukraine getötet.

Auch seine militärische "Karriere" zeigt den Umgang des russischen Militärs mit dem Leben ihrer Soldaten. Im Oktober 23 unterzeichnete Dmitri einen Militärvertrag, am 3. November 23 war er bereits tot. Er war bei einem Angriff bei Tschassiw Jar in der Region Donezk nicht zurückgekehrt. Dann dauerte es bis zum Juni 2024, dass Dmitri oder was auch immer zurück in seine Heimat kam und bestattet wurde. Aber bei der Beisetzung war das alles kein Thema

 Ust Kut Lena View

Ust-Kut und Fluss Lena -- Foto: bkdrf.ru -- Lizenz: CC BY 4.0

Ust-Kut ist eine Stadt in der Region Irkutsk. Sie liegt 510 km nördlich von Irkutsk am Zusammenfluss der Lena und Kuta. Ein kurzer Exkurs in die Geografie: Die Lena ist einer der längsten Flüsse der Erde, sie fließt ins Nordpolarmeer. Von Oktober bis Juni ist sie zugefroren, ab Ust-Kut ist die Lena schiffbar. Die Stadt ist ein Verkehrsknotenpunkt in Sibirien, hier werden Güter zwischen Fluss, Straße und Bahn verschoben.

Aber Ust-Kut hat aiuch schon bessere Tage gesehen. Im Jahr 1992 lebten noch 62.000 Menschen in der Stadt, 2021 wurden nur noch 36.918 Bewohner gezählt.

Wir haben am 1. Oktober 23 bereits über die im Krieg gegen die Ukraine gefallenen Soldaten der Stadt und des Bezirks berichtet. Eine lokale Initiative sammelt diese Daten. Damals waren 20 Namen bekannt, Anfang Juni 24 hat sich die Zahl auf 56 erhöht. Wir veröffentlichen ihren aktuellen Beitrag:

Zugegeben - die beiden Filme sind keine Meisterleistungen eine Kameramanns, sondern wacklige Dokumentationen der Gräber von im Krieg gegen die Ukraine gefallenen Soldaten, beide schnell aufgenommen, damit keine unangenehmen Fragen gestellt werden.

Der erste Film wurde am 10.03.24 veröffentlicht und zeigt Gräber auf dem Bolscheochtinskoje-Friedhof, dem größten Friedhof von St. Petersburg. Auf dem Friedhof befinden sich Massengräber sowjetischer Soldaten, die im Winterkrieg (1939-40) und im zweiten Weltkrieg (1941-45) gefallen sind. Der Film zeigt die Gräber von zwanzig Opfern im Krieg gegen die Ukraine, davon waren uns 13 Namen bisher unbekannt.

Wir hatten bereits mehrfach berichtet, dass russische Agenten auch in Nepal Söldner für den Krieg gegen die Ukraine anwerben.

Vier weitere Nepalesen sind für Russland im Krieg gegen die Ukraine getötet worden. Wir führen diese Kriegstote unter "unbekannter Region". Damit diese jungen Leute nicht ganz untergehen, nachstehend ihre Namen:

Baschkortostan PrämieUnsere Zusammenstellung der Werbeprämien für den russischen Kriegsdienst wollen wir noch um ein Beispiel aus Baschkortostan ergänzen. Das große Dorf Tolbasy hat ebenfalls solch eine Anzeige veröffentlicht.

Die Antrittsprämie mit 500.000 Rubel enttäuscht, da bieten andere Regionen mehr als das Doppelte.

Tukajewo

Bleiben wir noch etwas in der russischen Teilrepublik Baschkortostan. Tukajewo ist ein kleines Dorf im Bezirk Tuimazinskij mit etwa 500 Bewohnern. Am 5. März 24 bekam die Schule Besuch von einem ehemaligen Mitschüler, dem 20-jährigen Boris Alexandrowitsch Maslitsch (vorne mit schwarzem Pulli). Boris hatte sich freiwillig gemeldet und stand den Schülern Rede und Antwort. Die Schule schrieb:
"Wo Soldaten leben und wie sie essen, über Soldatenfreundschaften, über militärische Ausrüstung. Er sprach auch darüber, wie der Tag eines Soldaten an der Front aussieht. Die Schulkinder hörten dem Soldaten sehr aufmerksam zu und sahen anhand eines konkreten Beispiels, dass in der Nähe echte Helden leben, dass Mut, Tapferkeit und Liebe zum Vaterland die Eigenschaften eines Patrioten und eines wahren Bürgers Russlands sind."

Die Schulleitung wünschte damals Boris eine baldige Heimkehr mit einem Sieg. Boris kam zurück.

Kirche Uralsky erbaut 2001

Orthodoxe Kirche in Uralsky, erst 2001 erbaut -- Foto: Archicon.rf -- Lizenz: CC BY-SA 4.0

Der Ort Uralsky ist eine Mischung aus Kleinstadt und Dorf mit etwa 6.600 Einwohnern und liegt am Ufer der Kama, dem größten und längsten Nebenfluss der Wolga, etwa 40 km von der Hauptstadt der Region Perm entfernt. Uralsky hat eine noch junge Geschichte, der Ort wurde erst 1948 aus ein paar Häusern heraus gegründet und diente als Wohnstätte der Arbeiter einer damals neu gegründeten Spanplattenfirma, die heute noch immer zu den größten Firmen der Branche gehört. Aus diesem Ort kam Alexander Russakow, ein junger Wehrpflichtiger, der im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine getötet wurde.

Fanur SchajchislamowDer Bezirk Tatyschlinski in der Republik Baschkortostan hat auch schon bessere Tage gesehen. 1970 lebten dort 35.000 Menschen ganz im Norden Baschkiristans, heute sind es nur noch 22.000, Tendenz weiter fallend.

Der Leiter des Bezirks heißt Fanur Schajchislamow, ist 43 Jahre alt und hat im Moment viel mit dem Krieg in der Ukraine zu tun. Alle paar Tage muss er einem Begräbnis eines Bürgers aus seinem Bezirk beiwohnen, der im Krieg gegen die Ukraine gefallen ist.

Und dazwischen muss er Männer seines Bezirks verabschieden, die sich zum Kriegsdienst entschlossen haben und Richtung Ukraine abreisen wollen.

Bei den Begräbnissen gibt auch Fanur die offizielle Regierungspropaganda wieder, die von Falschdarstellungen nur so strotzt. Wir geben seinen Originaltext wieder anlässlich der Bestattung des sehr jungen Soldaten Niyaz Airatovich Mustafin:

15.06.24 russische KriegstoteDie aktuelle großangelegte Offensive der russischen Armee bewegt sich in einigen Regionen langsam vorwärts, in anderen stagniert sie und es gibt auch Erfolge der ukrainischen Armee. Der größte Erfolg der ukrainischen Soldaten sind die andauernden hohen Verluste Russlands an Menschen und Ausrüstung.

Es gibt verschiedene Rechnungen, wie lange Russland das noch durchhalten kann, manche meinen vielleicht noch Jahre, da Russland über große Lagerstellen an ausgemustertem Material verfügt. Das Gerät wird nach und nach restauriert und gelangt zum Einsatz, es gibt zahlreiche Luftaufnahmen wie die Bestände langsam schwinden.

Entscheidend dürfte der Faktor Mensch sein, wie lange sich die Gesellschaft die hohen Opferzahlen samt deren verlogenen Begründungen noch bieten lässt. Wir beobachten in den Kommentaren zu den Todesmeldungen häufiger eine wachsende Distanz zum Sinn und Zweck des Krieges. Da man sich in Russland zu diesem Thema nicht explizit äußern kann, ohne eine Strafverfolgung zu riskieren, kann man daraus die wirkliche Stimmung im Land nicht ableiten.

Über eine halbe Stunde benötigt der Film, um 315 getötete Soldaten aus der Region Orenburg mit Foto vorzustellen. Das sind etwa ein Viertel aller von uns registrierten Kriegsopfer aus der Region. So lang der Film auch dauert, so liefert er bis auf die Namen und Fotos keine zusätzlichen Informationen. Immerhin ist es die umfangreichste Videozusammenstellung, die wir bisher gefunden haben.

Sowjetische RekrutierungDie russische Armee muss jeden Monat etwa 30.000 Freiwillige anwerben, denn so groß sind die Verluste (Verwundete und Tote) ihrer Armee im Krieg gegen die Ukraine. Die Freiwilligen werden häufig als Kanonenfutter verwendet, sie sterben in sogenannten "Fleischangriffen", damit die eigene Armee wieder vielleicht ein paar hundert Meter vorrücken kann. Wir haben das schon mehrfach dokumentiert.

Die einzelnen russischen Regionen bekommen Vorgaben, wieviele Soldaten sie rekrutieren müssen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, übertreffen sich die Regionen gegenseitig mit den Erstzahlungen bei Vertragsabschluss. Die Behörden der Region Karatschai-Tscherkessien (Kaukasus) bieten aktuell 1,3 Millionen Rubel (ca. 13.000 €) für einen Vertragsabschluss. Das ist die bisherige Rekordzahlung, knapp dahinter bisher St. Petersburg mit 1,1 Millionen. Doch inzwischen bietet die Stadt auch 1,3 Millionen. In Krasnodar zum Beispiel wurden den Vertragswilligen eine Million Rubel geboten.

So kann es passieren, dass die russischen Vertragsanwärter eine weite Reise auf sich nehmen, wenn eine Region deutlich mehr Antrittsgeld zahlt als ihr Wohnort.

(Sowjetisches Rekrutierungsplakat, Dmitri Moor, 1920, "Hast Du Dich als Freiwilliger gemeldet?)

Wer bietet mehr?

Nachstehend vier Rekrutierungsanzeigen aus verschiedenen Regionen:

Kap Tscheljuskin 1 2012 08 05

Taimyrhalbinsel – Kap Tscheljuskin: nördlichste Festlandstelle der Erde -- Foto: Ansgar Walk -- Lizenz: CC BY-SA 3.0

Ganz im Norden im asiatischen Teil Russlands liegt die Taimyrhalbinsel. Sie gehört zur Region Krasnojarsk und ist der nördlichste kontinentale Festlandteil der Erde. Die Winter dort sind lang und extrem kalt, die Sommer kurz, kalt und nebelreich.  Es gibt dort große Naturschutzgebiete, die größte Renntierherde weltweit und neuerdings auch wieder Herden mit Moschusochsen.

Nur kleinere Siedlungen befinden sich auf der Halbinsel und dazu noch einige Polar- und Wetterstationen. Die nächsten Städte sind südlich Dudinka mit etwa 20.000 Einwohnern und die Großstadt Norilsk mit etwa 170.000 Einwohnern. Der Bergbau hat die Großstadt entstehen lassen. Es werden Kupfer , Nickel , Kobalt, und die Edelmetalle Palladium , Osmium , Platin , Gold , Silber , Iridium , Rhodium , Ruthenium abgebaut.

Auch aus diesen kalten Regionen zieht es Männer in den Krieg gegen die Ukraine. Wir haben einige aktuelle Meldungen im übersetzten Originaltext zusammengestellt:

Am 9. Mai haben wir über die Stadt Kropotkin im Süden Russlands berichtet. Dort wurde ein neues Denkmal für die im Krieg gegen die Ukraine getöteten russischen Soldaten der Stadt und Region errichtet. Die Stadt ist nach dem russischen Fürsten und Anarchisten Pjotr Kropotkin (1842 - 1921) benannt, der sich für eine gewalt- und herrschaftsfreie Gesellschaft einsetzte. Zu unserem damaligen Text gibt es jetzt einen Film, den wir nicht vorenthalten wollen.

Der Salarinski-Bezirk in der Region Irkutsk hat knapp 27.000 Bewohner, die Transsibirische Eisenbahn fährt durch das Gebiet. Kohle wird im Tagebau und wird Steinsalz untertage gefördert.

Anfang Mai veranstaltete die Bezirksverwaltung einen Gedenktag für die Opfer der Region im Krieg gegen die Ukraine. Wir geben den Text zum Film im übersetzten Original wieder:

Askarowo

Keine Region hat aktuell so viele Kriegstote zu beklagen wie Baschkortostan. Und noch immer registrieren wir täglich zahlreiche neue Opfer aus den Dörfern und Kleinstädten des Landes. Und auch keine Region liefert so eindrucksvolle Bilder von den Trauerfeiern wie Baschkortostan.

Ende Mai wurde der Freiwillige Jamil Chadjullowitsch Jagudin (geb. 1984) im kleinen Dorf Baimowo bestattet. Das Dorf hat um die 1.000 Einwohner und ist das Verwaltungszentrum des Gemeindebezirks. Die Bevölkerung schrumpft und lebt bescheiden. Auffällig ist - auf der Treuerfeier finden sich meist nur ältere Menschen, vielleicht weil sie an einem Montag stattfand und weil ob der vielen Begräbnisse, das Interesse nachlässt.

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