Jewgeni Sergejewitsch Schijanow

Von der Insel Sachalin zum Krieg in die Ukraine ist es ein weiter Weg - etwa 6.600 km Luftlinie. Oder in etwa die Strecke von Frankfurt nach Washington DC. Jewgeni Sergejewitsch Schijanow, geboren am 26. August 2005, kam aus dem Dorf Boschniakowo, das im westlichen, mittleren Teil der Insel liegt.

Jewgeni Sergejewitsch Schijanow Das Dorf hat schon bessere Tage gesehen und war sogar mal eine Stadt.  Im Jahr 1959 lebten dort 5.500 Menschen und als die dortige Kohlenmine geschlossen wurde, wanderten die Menschen ab. Heute leben weniger als 800 Einwohner im Dorf.

Jewgeni Schijanow (Foto rechts) wurde von Kind an zum Soldatentum erzogen.

In der Schulzeit war er Mitglied der Junarmija: Die Kinder und Jugendlichen werden an die Waffensysteme der russischen Streitkräfte herangeführt, pflegen Kriegerdenkmale, bewachen Plätze mit der „Ewigen Flamme“ und paradieren bei öffentlichen Veranstaltungen.

Wologda 1„Gespräche über wichtige Dinge“ wurden in den Kindergärten von Wologda eingeführt

Die Behörden in Wologda waren die ersten im Land, die wöchentliche „Gespräche über wichtige Dinge“ in Kindergärten einführten. Bei der ersten Sitzung erhielten die Kinder Spielzeugwaffen, zogen sich Militäruniformen an und spielten das Lied „Heiliger Krieg“. Die Initiative zur frühen Indoktrination wurde von einer Erzieherin aus Wologda bei einem Treffen mit Wladimir Putin ins Leben gerufen. Die Idee gefiel dem örtlichen Gouverneur Georgi Filimonow, der bereits nostalgisch auf die sowjetische Vergangenheit zurückblickt und in Vologda bereits ein Denkmal für Stalin errichtet hat.

Patriotische „Gespräche über wichtige Dinge“ werden regelmäßig in allen 78 Kindergärten des Gebiets Wologda stattfinden. Besucht werden sie von den älteren Kindern und den Schulvorbereitungsklassen.

Kosakenklasse

Im Süden Russlands am Kaspischen Meer liegt die Region Astrachan. Im Wolgadelta, nur etwa 15 Kilometer von der Grenze zu Kasachstan entfernt, befindet sich das große Dorf Krasny Jar mit 12.000 Einwohnern. Etwa die Hälfte der Bevölkerung des Dorfes sind ethnische Kasachen. Und Krasny Jar hat zudem eine lange Kosakentradition.

Die Sekundarschule Nr.2 in Krasny Jar hat am Wettbewerb „Beste Kosakenklasse“ teilgenommen und konnte sich für die zehn besten Schulen in Russland qualifizieren. Aus Freude über diese Leistung hat die Schule ein sehr professionelles Video erstellt, das wir hier mit deutschen Untertiteln zeigen wollen.

Sterlitamak 1

Sterlitamak ist die zweitgrößte Stadt in Baschkortostan mit etwa 280.000 Einwohnern. Vom 19. Januar 25 wird von vier Beisetzungen gefallener Soldaten aus der Stadt berichtet.

Jal Sale

Dorf Jal-Sale -- Foto: yamal-media.ru

Jar-Sale ist ein aufstrebendes Dorf im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen. Es liegt im Süden der Jamal-Halbinsel etwas nördlich des Polarkreises an einem Ausläufer des Ob. Insgesamt leben etwa 8.500 Menschen in dem Dorf, die Bewohner sind in der Mehrzahl Nenzen.

Jar-Sale kann man weder mit der Eisenbahn noch mit dem Bus oder Auto erreichen. Es gibt einen regelmäßigen Verkehr mit dem Hubschrauber zur Hauptstadt der Region Salechard, im Sommer gibt es einen Schiffsverkehr und im Winter fahren auch private Geländewagen über angelegte Pisten - zum Teil über den zugefrorenen Ob. (Details zum Ort in russischer Sprache)

Seit Mitte November gibt es auch in Jar-Sale ein Denkmal für die im Krieg gegen die Ukraine gefallenen Soldaten. Dreißig Namen sind auf den Steinplatten eingraviert - eine sehr hohe Zahl in Relation zur Bevölkerung. Und man hat in weiser Voraussicht auch noch Platz für neue Namen gelassen.

Andrei Beldy Viktoria Donkan

Die Nanai sind ein kleines indigenes Volk im Fernen Osten Russlands und in China. Dort wird die Ethnie Hezhen genannt. Knapp 12.000 Nanai zählte man im Jahr 2021 noch in Russland, die meisten davon leben in der Region Chabarowsk.

Im Arbeiterdorf Perejaslawka in Chabrowsk fand ein Schwimmwettbewerb auf einem zugefrorenen See statt. Vor dem Wettbewerb hielten zwei Schamanen einen Ritus zur Beendigung des Krieges ab. Ihre Opfergaben waren Brot und Wodka.

Wytegra 1

Vom größten See der Erde, dem Kaspischen Meer, kann man mit dem Schiff quer durch Russland bis an die Ostsee fahren.  Es geht die Wolga weit hinauf bis zum Rybinsker Stausee, von dort führt der Wolga-Ostseekanal mit sieben Schleusen zur Ostsee oder zum Weißen Meer. Kurz vor dem Onegasee käme unser Schiff auch an der russischen Kleinstadt Wytegra mit etwa 10.000 Einwohnern in der Oblast Wologda vorbei. Dort wollen wir die der Belorutschea-Schule besuchen.

Trolleybus in Leninsk Kuznezki

Trolleybus in Leninsk-Kusnezki -- Foto: trolleyfan - Untitled -- Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die Oblast Kemerowo - kurz Kusbass genannt, ist das Kohlerevier Russlands. Die Region liegt im Südwesten Sibiriens mit etwa 2,5 Millionen Einwohnern. Der Bergbau und die Kohleindustrie sind Kemerowos wirtschaftliche Grundlagen mit teils katastrophalen Auswirkungen auf die Umwelt.

Für uns ist die Region auch in gewisser Weise ein schwarzes Loch - wir haben bisher etwa 1.400 Kriegstote von dort registriert. Doch die örtliche Stiftung „Verteidiger des Vaterlandes“ nannte eine andere Zahl - mehr als 3.000.

Die Stadt Leninsk-Kusnezki mit etwa 92.000 Einwohnern ist eines der Zentren der Steinkohleförderung. Viele Minen befinden sich innerhalb der Stadt, immer wieder kommt es dort zu schweren Unglücken. Große Teile der Stadt wurden vom Architekten und Stadtplaner Ernst May aus Frankfurt am Main angelegt.

„Grieche & Fuchs":

Eine Mutter hat ihr Café in Leninsk-Kuznetsky nach den Rufzeichen ihrer Söhne benannt. Einer von ihnen ist bereits tot.

Sneschnoje

Die Hauptstraße von Sneschnoje -- Foto: Visitnord.ru

Das Dorf Sneschnoje stirbt langsam aus. Im Jahr 2010 lebten dort noch 311 Bewohner, 13 Jahre später sind nur noch 231 Menschen übrig und wahrscheinlich noch weniger. Das Dorf wurde 1929 gegründet, um die halbnomadisch lebenden Tschuktschen fest anzusiedeln. Sneschnoje besitzt keinen festen Straßenanschluss. Es ist per Hubschrauber sowie in der eisfreien Zeit per Schiff von Anadyr über Ust-Belaja zu erreichen - Reisezeit eineinhalb Tage.

Mitte Januar berichtete die Bezirksverwaltung von Anadyr, dass ein Einwohner des Dorfes Sneschnoje  während der "speziellen Militäroperation" getötet wurde.

Gulkewitschi

Der Bezirk Gulkewitschi liegt im Nordosten der Oblast Krasnodar im Süden Russlands. Der Bezirk grenzt im Osten an die Region Stawropol und hat etwa 100.000 Bewohner. Zentrum des Bezirks ist die Stadt Gulkewitschi mit etwa 33.000 Einwohnern.

Stadt und Bezirk verfügen über einige Industrieansiedlungen und landwirtschaftliche Großbetriebe, dazu gibt es ein gut ausgebautes Straßen- und Eisenbahnnetz. Durch den Bezirk fließt der Kuban, der Namensgeber der gesamten Region, ein 870 km langer Fluss, der an der Nordflanke des Kaukasus entspringt und ins Asowsche Meer mündet.

Aus dem Bezirk Gulkewitschi liegt uns ein Video vor, das die Toten des Krieges gegen die Ukraine zeigt. Insgesamt werden 77 Namen aufgezählt, wir konnten 32 Namen deshalb nachtragen.

Wie bei vielen ähnlichen Videos hat auch dieses keinerlei besondere Informationen parat. Wir veröffentlichen es ausschließlich zur Dokumentation.

 Die russische Teilrepublik Baschkortostan erleidet die höchsten Verluste in absoluten Zahlen aller russischen Regionen. Wir haben bereits über die baschkirisch, also muslimisch geprägte Region um Baimak berichtet und deren vielen Kriegsopfern.

Mit diesem Bericht wollen wir den Bezirk Belorezk vorstellen, dessen Bevölkerung zum überwiegende Teil aus christlich orthodoxen Russen besteht. Die Stadt Belorezk hat etwa 65.000 Einwohner, Tendenz fallend. Der gesamte Bezirk kommt auf etwa 100.000 Einwohner. Wirtschaftlicher Schwerpunkt der Stadt war bisher die Metallverarbeitung, die auf einem absterbenden Ast sitzt. An ihre Stelle soll in Zukunft der Tourismus treten.

Konkreter Anlass sind zwei Anzeigen zum Freiwilligendienst im Krieg gegen die Ukraine, die wir auf der VKontakte Seite des Bezirks gefunden haben, der aktiv für den Kriegsdienst wirbt und fast täglich die Todesopfer wieder begraben darf.

Anfang Dezember 2024 sind wir einer Falschmeldung aufgesessen, die eigentlich zunächst völlig in unser Bild der Geschehnisse in Russland passte. Nämlich dass das russische Militär bevorzugt die ethnischen Minderheiten in dem großen Land an vorderster Linie einsetzt und verheizt.

"Der letzte Kerek" war die Überschrift zu unserer Kurznachricht. Wir hatten damals die VKontakte-Seite der Autorin aufgesucht und eine ganz normale einheimische Frau aus Tschukotka gefunden.

Jetzt hat eine russische Medieninitiative die Geschichte hinter der Geschichte versucht zu recherchieren und dazu ein beeindruckendes Bild über das Leben in der eisigen Region Tschukotka im äußersten Nordosten Russlands geliefert.

Wir geben den Beitrag des russischsprachigen Projekts "Okno" (Fenster) übersetzt wieder:

Wargaschi 1

Schulbeginn im neuen Jahr in der Sekundarschule Nr. 1 in Wargaschi. Wargaschi ist eine Kleinstadt in der westsibirischen Region Kurgan mit etwa 10.000 Einwohnern.

Der Montag,13.01.25, beginnt mit dem Hissen der russischen Flagge und dem Abspielen der Nationalhymne. Für die richtige patriotische Stimmung sorgten Mitglieder der Jugendarmee (Link).

Bolsheohtinskoe cemetery entrance

Bolscheochtinskoje-Friedhof -- Foto: Bogdanov-62 -- Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die lokalen offiziellen Stellen in Russland geben nur in seltenen Fällen Informationen über die im Krieg getöteten Soldaten aus ihrer Region heraus. Deshalb ist das Absuchen der Friedhöfe ein probates Mittel, den Fakten etwas näher zu kommen.

Uns liegen zwei Filme über Kriegsgräber von Toten aus dem Krieg gegen die Ukraine aus St. Petersburg vor. Beide Filme sind wackelige Handyvideos, die sich auf das Zeigen der entsprechenden Gräber konzentrieren und sind für nichts anderes gedacht. Wir stellen diese Filme nur zum Zwecke der Dokumentation vor, da wir in unseren Listen der getöteten Soldaten auf diese Filme verweisen.

Tupakovo

Foto: Pesotsky -- Lizenz: CC BY 3.0

Das Foto oben zeigt im Vordergrund das Dorf Tupakowo in der russischen Teilrepublik Baschkortostan mit etwa 700 Einwohnern. Die Stadt im Hintergrund mit den vielen Schornsteinen ist die Großstadt Magnitogorsk in der Oblast Tscheljabinsk. Magnitogorsk ist das Zentrum der russischen Stahlindustrie und dazu eine echte Großstadt mit über 400.000 Einwohnern.

Fanil Jachijewitsch GinijatowJetzt ist Winter in der Region und wir wollen eine kurze Geschichte erzählen, die mit diesen beiden Orten zusammenhängt. Fanil Jachijewitsch Ginijatow wurde am 1. Mai 1961 in Tupakowo geboren. Er ging im Dorf zur Schule und absolvierte danach eine Ausbildung zum Traktorfahrer.  Noch zu Zeiten der Sowjetunion leistete er vom Jahr 1979 bis 1981  seinen Wehrdienst in der Sowjetarmee.

Fanil hätte seine Karriere im Eisen- und Stahlwerk Magnitogorsk begonnen, heißt es in seiner Biografie. Aber von einer Karriere ist weit und breit nichts zu sehen, Fanil malochte sein ganzes Arbeitsleben lang im Stahlwerk als einfacher Arbeiter.

Wenn man unser Schaubild zu den aktuellen russischen Kriegstoten etwas extrapoliert, dann kann jedermann erkennen, dass bis zu Beginn des vierten russischen Kriegsjahres, die von uns erfassten Kriegstoten die 100.000 Marke überschreiten werden.

Das wird auch dann passieren, wenn bis dahin die Waffen schweigen würden. Noch immer liegen viel zu viele getötete Soldaten zwischen den Fronten.

Um die russischen Opferzahlen plakativer darzustellen, wollen wir sie in diesem Beitrag in Relation zu zwei deutschen Großstädten stellen. Die Stadt Frankfurt ist die fünftgrößte Stadt in Deutschland, die Hansestadt Hamburg belegt nach Berlin den zweiten Platz.

Die Bevölkerung Russlands stagniert seit vielen Jahren und liegt bei etwa 146 Millionen Menschen. Das sind sieben Millionen weniger, als die Bevölkerung von Frankreich und Deutschland zusammengerechnet.

Bor panorama1

Panorama von Bor -- Foto: Алексей Буслаев -- Lizenz: frei

Mit dem chemischen Element "Bor" hat der Name der Stadt Bor nichts zu tun. Im Altslawischen bedeutete der Begriff Nadelwald und weist darauf hin, dass die Gegend um Bor besonders waldreich ist.

Die Stadt Bor hat 77.300 Einwohner, der gesamte Stadtbezirk 118.000 Bewohner. Bor liegt am linken Ufer der Wolga, auf der anderen Seite liegt die Hauptstadt der Oblast Nischni Nowgorod. Die beiden Städte sind durch zwei Brücken verbunden, es gibt aber auch eine Seilbahn und Tragflügelboote zwischen den beiden Städten.

Die Stadtbibliothek von Bor hat eine Liste aller im Krieg gegen die Ukraine getöteten Soldaten aus dem Stadtbezirk veröffentlicht. Insgesamt 78 Namen wurden benannt, wir konnten drei neue Gefallene zu unserer Datenbank hinzufügen.

Der Text und die Bemerkungen zu den einzelnen toten Soldaten geben das Denken der russischen Staatsdiener zu diesem Krieg deutlich wieder. Wir dokumentieren deshalb die Liste mit den Beschreibungen zu den getöteten Soldaten ungekürzt und nur sehr grob übersetzt.

Baimak Baschkortostan

Stadt Baimak im Jahr 2010 -- Foto: SportInRoB -- Lizenz: CC BY-SA 3.0

In der Stadt Baimak gab es Anfang 2024 die einzige öffentliche Großdemonstration seit Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine. Die Menschen protestierten gegen die Verurteilung eines baschkirischen Umweltaktivisten. Zahlreiche Demonstranten wurden inzwischen verurteilt, der Bezirk ist verstummt und mehrfach wöchentlich werden getötete Soldaten aus dem Bezirk beigesetzt.

In unserem ersten Bericht haben wir die Kriegstoten des Dezember bis zum 16.12.24 dokumentiert, am 18. Dezember war das nächste Begräbnis und bis Anfang Januar 25  gab es mindestens fünf  sieben weitere Beisetzungen.

Wir dokumentieren die Originalbeiträge übersetzt zusammen mit den Fotos. Die Trauerfeiern finden meist vor dem Haus des Toten statt, die Fotos dokumentieren ganz gut die Lebenumstände der Angehörigen.

Alle Texte haben wir der besseren Lesbarkeit nicht kursiv gesetzt. Es ist zu erwarten, dass die Orginalbeiträge bald gelöscht werden.

Oimjakon

Das Dorf Oimjakon in Jakutien (Sacha) -- Foto: Ilya Varlamov  -- Lizenz: CC BY-SA 4.0

Wir haben den Januar 2025 und draußen ist es kalt. Für die Bewohner des Ulus Oimjakonski in Jakutien sind das gerade mal liebliche Temperaturen. Wir befinden uns am Kältepol Asiens und dort herrscht zur Zeit eine Tagesdurchschnittstemperatur von -46° Celsius. Obwohl der Nordpol 2.900 km entfernt liegt, wurden hier die niedrigsten Temperaturen aller bewohnten Gebiete der Erde gemessen.

Das Leben im Ulus ist hart, im Sommer kann es schon mal 30° warm werden, aber die Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei -17,2°.

31 12 2024 russischeKriegstoteDie genaue Auswertung unserer Zahlen zum Ende des Jahres 2024 wird noch etwa sieben bis zehn Tage dauern. Noch überprüfen wir die vorliegenden Links, recherchieren Alter und Regionen von etwa 1.500 offenen Fällen.

An der absoluten Zahl der ermittelten Todesfälle russischer Soldaten wird sich nach unseren Erfahrungen wenig ändern. Wir können deshalb einige Informationen bereits jetzt veröffentlichen.

Das Schaubild links zeigt die Entwicklung der russischen Kriegstoten seit dem 31.12.2022. Die Kurve entwickelt sich ständig steiler, die Anzahl der täglich getöteten russischen Soldaten wächst andauernd.

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