Nikita Denissowitsch WeslopolowVersuchen wir die Geschichte von Anfang zu erzählen. Als 2014 der russische Angriffskrieg im Donbass gestartet wurde, entstand das sogenannte Somalia-Bataillon, zusammengesetzt aus vielen russischen Freiwilligen. Das Bataillon wurde so etwas wie die schnelle Eingreiftruppe im russisch besetzten Donbass. Sie wurde befehligt durch Michail Tolstych, Kampfname Giwi, der Anfang 2017 in einer Garnison seiner Einheit durch eine Schmel-Rakete getötet wurde. Inzwischen ist das Somalia-Bataillon eine reguläre russische Einheit.

In diesem Bataillon kämpfte auch Nikita Denissowitsch Weslopolow, geboren am 21. Juni 2005, aus der Stadt Krasnokamensk im Transbaikal-Territorium als Freiwilliger. Allerdings so ganz freiwillig auch wieder nicht.

Kowrow

Telegram - 01.07.24

In der Stadt Kowrow in der Region Wladimir wurde die Fotoausstellung „Frauenleid“ eröffnet. Bei den Exponaten handelt es sich um Fotografien der Mütter und Ehefrauen der verstorbenen Teilnehmer der Invasion in der Ukraine. Veranstalter war die von Putin gegründete Staatsstiftung „Verteidiger des Vaterlandes“. Dies berichtete die Lokalzeitung Znamya Truda.

KasanRekrut

Den aktuellen Rekrutierungsaufruf aus Tatarstan wollen wir noch nachreichen. Wir haben im Bericht zum Monat Juni  darüber geschrieben. 1,5 Millionen Rubel entsprechen etwa 15.000 €, also knapp dem zweifachen Jahreseinkommens eines Durchschnittsverdieners. Der übersetzte Text lautet:

Treten Sie der Armee des Sieges bei! Auf einmal bei Vertragsabschluss vor dem 31. Juli 2024 in Tatarstan DO 1.500.000 RUB.
Rufzeichen „YAKTA“, WIR UNTERRICHTEN, HELFEN, UNTERSTÜTZEN, 8 (800) 222 59 00

Sobinka

Sobinka - das ist eine Stadt mit etwa 17.000 Einwohnern, die 40 km westlich der Gebietshauptstadt Wladimir liegt. Wenn man nach Sehenswürdigkeiten der Stadt sucht, dann werden bevorzugt Denkmäler angegeben. Eines gibt es für die gefallenen Soldaten des zweiten Weltkrieges, ein anderes für Karl Marx und es gibt auch ein Denkmal für die im Krieg gegen die Ukraine getöteten Stadtbewohner. Vorausschauend hat man etwas Platz gelassen für künftige Kriegstote, besonders wählerisch war man auch nicht. Das berichtet eine lokale Initiative über neue Einträge:

SchulmuseumIstra

Dedowsk ist eine Stadt 40 km von Moskau entfernt mit etwa 30.000 Einwohnern. Am Stadtrand gibt es ein Internat für Schüler mit Behinderungen mit dem schönen Namen "Dorf des Internats des Großvaters". Das Foto zeigt eine Veranstaltung der Schule zum Gedenken an einen ehemaligen Schüler, der im Krieg gegen die Ukraine als Söldner der Gruppe Wagner gefallen ist. Ganz links steht übrigens dessen Schwester.

Umary Schule

Urmary - das ist eine Siedlung in der russischen Teilrepublik Tschuwaschien mit etwa 5.200 Einwohnern. Die örtliche Sekundarschule hat Anfang Mai eine eigene Heldengasse eingeweiht, zu Ehren ihrer ehemaligen Schüler, die in den Kriegen Russlands gefallen sind. Es handelt sich dabei um elf Kriegstote, wovon neun im Krieg gegen die Ukraine getötet wurden - ziemliche viele für den kleinen Ort. Zwei dieser Namen waren noch nicht in unserer Liste.

Im Zentrum der Veranstaltung der Sekundarschule stand die Vermittlung von russischen Werten, wie fast alle öffentlichen Bildungseinrichtungen in Russland das im Moment tun. Wir geben den Wortlaut als übersetzten Originaltext wieder. Die Teilnehmerliste haben wir weggelassen.

Mawrino Teil3

Mawrino ist ein sehr kleines Dorf im Gebiet der städtischen Siedlung Frjanowo des Stadtbezirks Schtschelkowo, 2010 wurden gerade mal 15 Dorfbewohner gezählt. Von der Ringstraße rund um Moskau ist Mawrino etwa 50 km entfernt. Wir haben über dieses kleine Dorf schon mehrfach berichtet, denn auf dem örtlichen Friedhofsgelände war Ende 2022 ein Wagnerfriedhof entstanden, der sich so langsam füllte. (Bericht eins, zwei)

Obwohl der Friedhof nahe Moskau liegt ist sein Zustand miserabel. Es gibt zwar ein mächtiges Wagner-Denkmal, aber die Gräber werden nicht gepflegt (Bild Mitte). Jetzt haben die Grabpflege Anwohner übernommen (Bild rechts) und eine Liste veröffentlicht, die die Namen der dort begrabenen Söldner nennt. Die Liste wurde über die sozialen Netzwerke verbreitet, damit die Familien über den Verbleib ihrerer Angehörigen Bescheid wissen.

Artem Aleksejewitsch SatalkinDie russische Staatsduma beschloss im April 2024, dass junge Männer, die ihren Wehrdienst ableisten, vom ersten Tag an sich für einen Vertragsdienst verpflichten können. Diese Soldaten können dann auch im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt werden. Und so geschieht es, dass solch junge Leute fast ohne Vorbereitung an die Front geworfen werden - genau so wie die vielen Freiwilligen, über die wir hier berichten.

Artem Aleksejewitsch Satalkin, geboren am 25. Februar 2006, ist der bisher jüngste russische Soldat in unserer Statistik, der im Krieg gegen die Ukraine gefallen ist. Er stammte aus Tscherepowez, einer Großstadt in der Oblast Wologda. Getötet wurde Artem am 27. Mai 2024, also etwa drei Monate nach seinem 18. Geburtstag. Wir wissen nicht, warum sich Artem für den Vertragsdienst entschieden hat. In den Kommentaren ist auch davon die Rede, dass er sich damit einer längeren Gefängnisstrafe entledigen wollte. Aber bestätigt wurde dies nicht in den vielen Nachrichten zu seinem Tod.

Aus manch einem Kommentar der Leser kann man das Entsetzen über den frühen Tod von Artem heraushören. Doch die staatlichen Institutionen reagieren auf ihre Weise - die ehemaligen Schulen von Artem mussten lange Beiträge über ihren Schüler auf VKontakte absondern. Den Ausführlichsten wollen wir hier dokumentieren:

Lyssogorskaja

Auf unserer langen Reise durch ganz Russland sind wir heute im großen Dorf Lysogorskaja angekommen. Das Dorf liegt im Süden der Region Stawropol an den nördlichen Ausläufern des Kaukasus. Benannt ist das Dorf nach einem westlich gelegenen Berg mit dem russischen Namen Lyssaja gora, „Kahler Berg“. Das Dorf hat etwa 10.000 Einwohner und ist ganze sieben km lang.

Am 11. Juni 24 wurde auch in diesem Dorf eine Gedenkstätte für die im Krieg gegen die Ukraine gefallenen Soldaten eingeweiht.

Schamil Minnegalimowitsch Sarjanow1

Der Bezirk Busdjakski liegt über 100 km von der Hauptstadt Ufa der Republik Baschkortostan entfernt. Die Gegend wird hauptsächlich von Tataren und Baschkiren bewohnt. Im kleinen Bezirksdorf Karazirek hat man am 12. Juni 24 einen im Krieg gegen die Ukraine getöteten Landsmann begraben.  Der nicht mehr junge Schamil Minnegalimowitsch Sarjanow, geboren am 1. Juni 1966, hatte sich im März 24 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, sein Todesdatum verschweigt der Bericht.

Aus Baschkirien kommen täglich solch reich bebilderte Nachrichten, die auch Rückschlüsse auf die Lebensumstände der Bevölkerung zulassen. Wir dokumentieren deshalb den Beitrag auf VKontakte mit allen Fotos:

Schapalow Otschirow Dimitrijew

Jakow Aleksandrowotsch Erschow Sergey (Tsydyp) Wladimirwitsich Danil Sergeewitsch Dimitriew
(geb. 2000)  Otschirow (geb. 1996)  (geb. 2001)

Wir haben seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges drei Fälle dokumentiert, bei denen junge russische Soldaten in ukrainische Kriegsgefangenschaft gerieten. Alle drei Soldaten sind tot den russischen Behörden übergeben worden. Wir wissen nicht, was in der Gefangenschaft passiert ist, ob es überhaupt einen tödlichen Übergriff ukrainischer Gefängniswärter oder Soldaten gab. Der dritte Fall, der auch in 2022 stattfand und der erst im Mai 24 öffentlich wurde, veranlasste uns eigene Recherchen anzustellen. (Beitrag Erschow -- Beitrag  Otschirow/Dimitriew)

Vorneweg: Der russische Angriffskrieg ist ein Verstoß gegen das Völkerrecht, ein Verstoß gegen zahlreiche internationale Verträge und ein ungeheures Verbrechen am Land und am Volk der Ukraine. Russland ist der Täter, die Ukraine das Opfer. Wir meinen aber, dass trotz dieser klaren Verhältnisse die Ukraine in ihrem Abwehrkampf auch an das Völkerrecht gebunden ist. Das bedeutet, dass russische Kriegsgefangene kein Freiwild darstellen.

Wir haben deshalb zunächst bei der ukrainischen Botschaft und beim ukrainischen Verteidigungsministerium angefragt, was mit dem aktuellen Kriegsgefangenen passiert wäre, der tot seinen Angehörigen übergeben wurden. Den Wortlaut unserer Anfrage veröffentlichen wir am Ende des Beitrags. Wir haben keine Antwort erhalten.

Als nächsten Schritt haben wir am 1. Juni 24 beim deutschen Auswärtigem Amt nachgefragt, erst nach Anmahnung erhielten wir ein Rückantwort auf unsere Fragen, die wir zunächst nicht kommentieren wollen:

Alexander Hermanowitsch Jelin Um die Bestände der russischen Armee aufzufüllen, nehmen die Rekrutierer beinahe jeden Mann, wenn er nur aufrecht stehen kann. Aktuell zeigen wir jeden Tag einen neuen Youngster, der nach dem Jahr 2000 geboren wurde und  aus den unterschiedlichsten Gründen im Krieg gegen die Ukraine gelandet ist - mit tödlichem Ausgang. Ein Militär mit etwas Verantwortungsgefühl hätte all diese jungen Leute nach Hause schicken müssen.

Aber wir finden auch zahlreiche Männer, die auf Grund ihres fortgeschrittenen Alters eigentlich ihren wohlverdienten Ruhestand genießen sollten und sich trotzdem noch einmal im Kriegshandwerk versuchen wollten. Der Beweggrund, obwohl das öffentlich niemand zugeben mag, ist immer das viele Geld, das man an der Front verdienen kann. Wir haben hier acht Gevatter zusammengestellt, die sich freiwillig gemeldet hatten und im Sarg wieder zurück gekommen sind. Allen gemeinsam ist, dass nirgends ihr Alter angegeben ist - wohl aus durchsichtigem Grund.

Wassili LebedinskiWolsk ist eine mittelgroße Stadt in der russischen Oblast Saratow. Sie liegt am Ufer der Wolga, aber auch sie leidet unter Schwund. Im Jahr 2010 hatte Wolsk noch 66,5 Tausend Einwohner, 2021 zählte man nur noch 55 Tausend.

Am 11. Juni 24 wurde in der Stadt der 41-jährige Unteroffizier Wassili Lebedinski zu Grabe getragen. Er hatte die Gruppe Wagner überlebt, aber danach in den Reihen der russischen Armee weiter gekämpft. Er wurde am 1. Mai dann doch getötet. Seine Familie weigerte sich, den Mann zu begraben.

Wassili Lebedinski hatte eine finstere Vita. Bereits im Jahr 2002 wurde er wegen Mordes verurteilt. Er saß seine Strafe ab, kam nach Wolsk zurück und wurde wegen Diebstahls erneut bestraft.

Russland braucht Soldaten, jeden Monat etwa 30.000 Neue, die die an der Front gefallenen und verletzten Männer ersetzen. Der russische Staat nimmt dabei alles was er bekommen kann - Nepalesen, Afrikaner, Wirtschaftsflüchtlinge aus den südlichen ehemaligen Staaten der Sowjetunion und vor allem eigene Bürger.

Das Durchschnittseinkommen in Russland betrug 2023 knapp 670 €, der Mindestlohn nur 200 €. In den vielen armen Regionen Russlands wird deutlich weniger als jenes Durchschnittseinkommen bezahlt. Die Menschen schuften im Schichtdienst in den Ölförderanlagen, Bergwerken und Minen, arbeiten bei kargem Lohn in den Landwirtschaftsbetrieben oder reisen für Saisonjobs über das weite Land. Und dann haben wir noch jene Außenseiter der Gesellschaft, Alkoholiker, Kleinkriminelle und andere Abgehängte - für all diese Menschen eröffnet sich plötzlich die Möglichkeit, einmal in ihrem Leben auf legale Weise richtig Geld zu verdienen.

In der folgenden Zusammenstellung dokumentieren wir ein aktuelles Vertragsangebot aus St. Petersburg vom 16. Juni 24. Für alle unsere Leser, die sich nicht für Details interessieren, St. Petersburg bezahlt bereits als Antrittsprämie das 1,6-fache eines durchschnittlichen russischen Jahresverdienstes. Der monatliche Verdienst der angeworbenen Soldaten beträgt mindestens das Dreifache eines russischen Durchschnittsverdienstes. Dazu kommen noch zahlreiche Prämien und Sozialleistungen.

Verschwiegen wird, dass jener Einsatz  für viele der Freiwilligen mit dem Tod oder einer schweren Verletzung endet.

Die Details:

Wladiwostok Mai24

Anfang Mai wurde diese Plakatwand in Wladiwostok aufgestellt. An dieser Stelle soll später ein Denkmal für die im Krieg gegen die Ukraine gefallenen Soldaten aus Wladiwostok entstehen. Von den 51 Namen auf dem Plakat waren uns acht bisher unbekannt. Ziemlich sicher sind bis heute auch noch ein paar Neue dazu gekommen.

 Die Namen sind auf dem Foto schwer zu identifizieren. Wir veröffentlichen deshalb auch die Detailaufnahmen.

Schule14 Heldenschreibtisch

Der Heldenschreibtisch der Schule 14 in Moskau. In der Mitte der Vater von Denis Gordonow

Während es über die Weiten Russlands ausreicht, als gewöhnlicher Soldat im Krieg gegen die Ukraine gefallen zu sein, um an der örtlichen Schule einen "Heldenschreibtisch" verpasst zu bekommen, gelten in der Hauptstadt Moskau weit höhere Hürden. In der Moskauer Schule Nr. 14 wurde am 8. Mai 24 bei einer Feier einem richtigen Oberstleutnant jene zweifelhafte Ehre zuteil. Denis Gorodnow, Rufzeichen "Baikal", hatte die Schule besucht und war am 20. Oktober 23 im Krieg gegen die Ukraine gefallen.

Dmitri Nikolaewitsch KazarinDass das Lesen all dieser Beiträge über Kriegstote eine ziemlich deprimierende Angelegenheit ist, wird niemand bestreiten. Doch hin und wieder finden sich Nachrichten mit einem hohen Unterhaltungswert. So wie dieser Beitrag auf VKontakte aus der Stadt Klin in der Region Moskau als übersetzter Originalbeitrag (leicht redigiert):

In Klin belauscht - 6. Juni 24 um 17:18 -- Link

Unser Landsmann Dmitri Nikolaewitsch Kazarin starb in der Zone des nördlichen Militärbezirks. Ein Mann, der gegen Ungerechtigkeit gekämpft hat, ein ehrlicher, dem Land ergebener Bürger. Lass die Erde für ihn sein....

Dmitri Wassiljewitsch Sacharow "Er lebte ein kurzes, aber würdiges Leben!", lautet die Überschrift eines Nachrufes für Dmitri Wassiljewitsch Sacharow. Der junge Mann wurde am 25. März 1999 im Bezirk Buguruslan der Oblast Orenburg geboren und wurde als Freiwilliger im Krieg gegen die Ukraine getötet.

Auch seine militärische "Karriere" zeigt den Umgang des russischen Militärs mit dem Leben ihrer Soldaten. Im Oktober 23 unterzeichnete Dmitri einen Militärvertrag, am 3. November 23 war er bereits tot. Er war bei einem Angriff bei Tschassiw Jar in der Region Donezk nicht zurückgekehrt. Dann dauerte es bis zum Juni 2024, dass Dmitri oder was auch immer zurück in seine Heimat kam und bestattet wurde. Aber bei der Beisetzung war das alles kein Thema

Zugegeben - die beiden Filme sind keine Meisterleistungen eine Kameramanns, sondern wacklige Dokumentationen der Gräber von im Krieg gegen die Ukraine gefallenen Soldaten, beide schnell aufgenommen, damit keine unangenehmen Fragen gestellt werden.

Der erste Film wurde am 10.03.24 veröffentlicht und zeigt Gräber auf dem Bolscheochtinskoje-Friedhof, dem größten Friedhof von St. Petersburg. Auf dem Friedhof befinden sich Massengräber sowjetischer Soldaten, die im Winterkrieg (1939-40) und im zweiten Weltkrieg (1941-45) gefallen sind. Der Film zeigt die Gräber von zwanzig Opfern im Krieg gegen die Ukraine, davon waren uns 13 Namen bisher unbekannt.

Wir hatten bereits mehrfach berichtet, dass russische Agenten auch in Nepal Söldner für den Krieg gegen die Ukraine anwerben.

Vier weitere Nepalesen sind für Russland im Krieg gegen die Ukraine getötet worden. Wir führen diese Kriegstote unter "unbekannter Region". Damit diese jungen Leute nicht ganz untergehen, nachstehend ihre Namen:

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