Russland braucht Soldaten, jeden Monat etwa 30.000 Neue, die die an der Front gefallenen und verletzten Männer ersetzen. Der russische Staat nimmt dabei alles was er bekommen kann - Nepalesen, Afrikaner, Wirtschaftsflüchtlinge aus den südlichen ehemaligen Staaten der Sowjetunion und vor allem eigene Bürger.

Das Durchschnittseinkommen in Russland betrug 2023 knapp 670 €, der Mindestlohn nur 200 €. In den vielen armen Regionen Russlands wird deutlich weniger als jenes Durchschnittseinkommen bezahlt. Die Menschen schuften im Schichtdienst in den Ölförderanlagen, Bergwerken und Minen, arbeiten bei kargem Lohn in den Landwirtschaftsbetrieben oder reisen für Saisonjobs über das weite Land. Und dann haben wir noch jene Außenseiter der Gesellschaft, Alkoholiker, Kleinkriminelle und andere Abgehängte - für all diese Menschen eröffnet sich plötzlich die Möglichkeit, einmal in ihrem Leben auf legale Weise richtig Geld zu verdienen.

In der folgenden Zusammenstellung dokumentieren wir ein aktuelles Vertragsangebot aus St. Petersburg vom 16. Juni 24. Für alle unsere Leser, die sich nicht für Details interessieren, St. Petersburg bezahlt bereits als Antrittsprämie das 1,6-fache eines durchschnittlichen russischen Jahresverdienstes. Der monatliche Verdienst der angeworbenen Soldaten beträgt mindestens das Dreifache eines russischen Durchschnittsverdienstes. Dazu kommen noch zahlreiche Prämien und Sozialleistungen.

Verschwiegen wird, dass jener Einsatz  für viele der Freiwilligen mit dem Tod oder einer schweren Verletzung endet.

Die Details:

Baschkortostan PrämieUnsere Zusammenstellung der Werbeprämien für den russischen Kriegsdienst wollen wir noch um ein Beispiel aus Baschkortostan ergänzen. Das große Dorf Tolbasy hat ebenfalls solch eine Anzeige veröffentlicht.

Die Antrittsprämie mit 500.000 Rubel enttäuscht, da bieten andere Regionen mehr als das Doppelte.

15.06.24 russische KriegstoteDie aktuelle großangelegte Offensive der russischen Armee bewegt sich in einigen Regionen langsam vorwärts, in anderen stagniert sie und es gibt auch Erfolge der ukrainischen Armee. Der größte Erfolg der ukrainischen Soldaten sind die andauernden hohen Verluste Russlands an Menschen und Ausrüstung.

Es gibt verschiedene Rechnungen, wie lange Russland das noch durchhalten kann, manche meinen vielleicht noch Jahre, da Russland über große Lagerstellen an ausgemustertem Material verfügt. Das Gerät wird nach und nach restauriert und gelangt zum Einsatz, es gibt zahlreiche Luftaufnahmen wie die Bestände langsam schwinden.

Entscheidend dürfte der Faktor Mensch sein, wie lange sich die Gesellschaft die hohen Opferzahlen samt deren verlogenen Begründungen noch bieten lässt. Wir beobachten in den Kommentaren zu den Todesmeldungen häufiger eine wachsende Distanz zum Sinn und Zweck des Krieges. Da man sich in Russland zu diesem Thema nicht explizit äußern kann, ohne eine Strafverfolgung zu riskieren, kann man daraus die wirkliche Stimmung im Land nicht ableiten.

Sowjetische RekrutierungDie russische Armee muss jeden Monat etwa 30.000 Freiwillige anwerben, denn so groß sind die Verluste (Verwundete und Tote) ihrer Armee im Krieg gegen die Ukraine. Die Freiwilligen werden häufig als Kanonenfutter verwendet, sie sterben in sogenannten "Fleischangriffen", damit die eigene Armee wieder vielleicht ein paar hundert Meter vorrücken kann. Wir haben das schon mehrfach dokumentiert.

Die einzelnen russischen Regionen bekommen Vorgaben, wieviele Soldaten sie rekrutieren müssen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, übertreffen sich die Regionen gegenseitig mit den Erstzahlungen bei Vertragsabschluss. Die Behörden der Region Karatschai-Tscherkessien (Kaukasus) bieten aktuell 1,3 Millionen Rubel (ca. 13.000 €) für einen Vertragsabschluss. Das ist die bisherige Rekordzahlung, knapp dahinter bisher St. Petersburg mit 1,1 Millionen. Doch inzwischen bietet die Stadt auch 1,3 Millionen. In Krasnodar zum Beispiel wurden den Vertragswilligen eine Million Rubel geboten.

So kann es passieren, dass die russischen Vertragsanwärter eine weite Reise auf sich nehmen, wenn eine Region deutlich mehr Antrittsgeld zahlt als ihr Wohnort.

(Sowjetisches Rekrutierungsplakat, Dmitri Moor, 1920, "Hast Du Dich als Freiwilliger gemeldet?)

Wer bietet mehr?

Nachstehend vier Rekrutierungsanzeigen aus verschiedenen Regionen:

Am 9. Mai haben wir über die Stadt Kropotkin im Süden Russlands berichtet. Dort wurde ein neues Denkmal für die im Krieg gegen die Ukraine getöteten russischen Soldaten der Stadt und Region errichtet. Die Stadt ist nach dem russischen Fürsten und Anarchisten Pjotr Kropotkin (1842 - 1921) benannt, der sich für eine gewalt- und herrschaftsfreie Gesellschaft einsetzte. Zu unserem damaligen Text gibt es jetzt einen Film, den wir nicht vorenthalten wollen.

Der Salarinski-Bezirk in der Region Irkutsk hat knapp 27.000 Bewohner, die Transsibirische Eisenbahn fährt durch das Gebiet. Kohle wird im Tagebau und wird Steinsalz untertage gefördert.

Anfang Mai veranstaltete die Bezirksverwaltung einen Gedenktag für die Opfer der Region im Krieg gegen die Ukraine. Wir geben den Text zum Film im übersetzten Original wieder:

Askarowo

Keine Region hat aktuell so viele Kriegstote zu beklagen wie Baschkortostan. Und noch immer registrieren wir täglich zahlreiche neue Opfer aus den Dörfern und Kleinstädten des Landes. Und auch keine Region liefert so eindrucksvolle Bilder von den Trauerfeiern wie Baschkortostan.

Ende Mai wurde der Freiwillige Jamil Chadjullowitsch Jagudin (geb. 1984) im kleinen Dorf Baimowo bestattet. Das Dorf hat um die 1.000 Einwohner und ist das Verwaltungszentrum des Gemeindebezirks. Die Bevölkerung schrumpft und lebt bescheiden. Auffällig ist - auf der Treuerfeier finden sich meist nur ältere Menschen, vielleicht weil sie an einem Montag stattfand und weil ob der vielen Begräbnisse, das Interesse nachlässt.

Balaschicha Ahorn

Die Stadt Balaschicha liegt nur vier Kilometer von der Stadtgrenze Moskaus entfernt und ist mit über 400.000 Einwohnern auch eine Großstadt. Auf einer "Allee der Erinnerung" wurden Ende Mai Ahornbäume gepflanzt, jeder stellvertretend für einen getöteten Soldaten im Krieg gegen die Ukraine.

Luhansk 2014

Einer der vielen Beweggründe für den Krieg Russlands gegen die Ukraine war die wirtschaftliche und politische Situation in den beiden von Russland initiierten und geführten Republiken Donezk und Luhansk. Dort war eine mafiöse politische und wirtschaftliche Struktur entstanden mit Bandenkriminalität, unbegrenzter Selbstbereicherung der politischen Akteure und selbstherrlichen Kosakenverbänden, die eigene Pläne verfolgten.

Viele der damaligen Akteure erlitten einen schnellen Tod, hier fungierte die zu dieser Zeit frisch gegründete Gruppe Wagner als "Problemlöser". Aber auch Geheimdienste - russische und wahrscheinlich auch ukrainische räumten unter den Sepraratisten auf, was meist mit deren Tod endete.

Wir wiederholen hier einen Beitrag von OskarMaria vom 8. Februar 2017, allerdings aktualisiert mit einigen neuen Erkenntnissen und Personen.

Das Foto oben zeigt die Separatisten, die 2014 den Verwaltungssitz von Luhansk erobert hatten. Die meisten davon sind inzwischen getötet oder ins Exil verbracht worden.

Wladimir UjbaDie russische Teilrepublik Komi liegt im Nordosten Europas, ist dünn besiedelt mit einer Taiga- und Tundra-Vegetation. Chef der Republik ist Wladimir Ujba, der seit 2020 die Geschicke der Region bestimmt. Ujba ist Arzt und Wissenschaftler, mit reichlich Erfahrung im Management und in der Politik. Im Jahr 2020 wurde er nach Komi geschickt, als die Corona-Infektionen dort aus dem Ruder gelaufen waren.

Ujba wurde zunächst kommisarisch ernannt, stellte sich dann noch im gleichen Jahr zur Wahl. Bei einer Wahlbeteiligung von 30% der wahlberechtigten Bevölkerung erhielt er 73% der Stimmen.

Ujba ist kein feingeistiger Wissenschaftler, sondern ein Mann fürs Grobe. Als er 2021 von einem Abgeordneten der kommunistischen Partei attackiert worden war, wollte er die Sache wie ein Mann handhaben und drohte mit Prügel. Auch im Krieg Russlands gegen die Ukraine übernimmt er die Sprachregelungen der Staatsführung, die wir hier an zwei Beispielen dokumentieren wollen:


Pyatnashka Brigade SSIEine der Legenden der russischen Propaganda handelt vom bewaffneten Aufstand der Donbass-Bewohner gegen die ukrainische Regierung im Jahr 2014.

Richtig ist, dass es damals lokale Demonstrationen gegen die neue Regierung und deren prowestlichen Kurs gab. Dass daraus dann ein bewaffneter Aufstand entstand war den Akteuren in Moskau geschuldet, die bewaffnete Kämpfer heimlich über die Grenze gebracht hatten und versuchten, die dortige Bevölkerung zum bewaffneten Kampf zu motivieren. Diese Taktik ist damals nicht aufgegangen, nur wenige Bewohner wollten sich daran beteiligen. Dafür sickerten immer mehr bewaffnete Einheiten aus Russland in den Donbass ein.

Eine der Akteure im russischen Krieg gegen die Ukraine ist seit 2014 die internationale Brigade „Pjatnaschka“ - übersetzt "fünfzehn". Die Brigade wurde im Sommer 2014 von einem aus der Region Krasnodar stammenden Abchasen zusammengestellt, am Anfang waren es nur 15 Mann, daher der Name. Ihre erste wesentliche Aktion bestand darin, den Campus der "Christlichen Universität" in Donezk zu besetzen.

Yuzho Sakhalinsk panorama

Panorama von Juschno-Sachalinsk  -- Foto: yab994 -- Lizenz: CC BY-SA 2.0

Die Insel Sachalin, die größte Insel Russlands, liegt ganz im Osten des Landes im Pazifischen Ozean. Sie war lange zwischen Japan und Russland umstritten, Ende des zweiten Weltkriegs wurden die Japaner von der Insel vertrieben und später verzichtete Japan auf seine Ansprüche. Gouverneur der Insel ist seit Ende 2018 Valery Limarenko, ein erfolgreicher Wissenschaftler, der ab 2001 eine zunächst aussichtsreiche politische Karriere startete, aber aus undurchsichtigen Gründen  ganz weit weg abgeschoben wurde.

Limarenko ist trotzdem Parteisoldat geblieben, unterstützt den Krieg gegen die Ukraine, aber er veröffentlicht auf seinem Telegramkanal regelmäßig die Opfer des Krieges aus seinem Verantwortungsgebiet, im Gegensatz zu allen anderen Regionen. Da ist eine ordentliche Liste bereits zusammen gekommen, zum 15.05.24 haben wir 575 Kriegstote aus Sachalin erfasst. Die Region liegt folglich ganz vorne wenn man die Opfer in das Verhältnis zur Bevölkerungszahl setzt. (Teil I - Teil II)

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