Timur Renatowitsch Lekarew

Wir befinden uns in der Stadt Gukowo in der Oblast Rostow am Don im Süden Russlands. Die Stadt hat noch 58.000 Bewohner und liegt nahe der Grenze zur Ukraine. Früher gab es dort acht Zechen in denen Steinkohle abgebaut wurde, inzwischen wurden alle geschlossen und hinterließen beträchtliche Schulden.

Der Bürgermeister der Stadt und der Militärkommissar verteilten am 12. August Orden an die Familien von drei im Krieg gegen die Ukraine gefallenen Soldaten. Danach wurde ein Foto mit den Hinterblieben aufgenommen. Leider gab der Bürgermeister nicht an, welches Foto zu welchem getöteten Soldaten gehört. Folgt man der Reihenfolge der Namen und der Fotos, dann müsste die obige Aufnahme die Angehörigen von Timur Renatowitsch Lekarew zeigen. Daraus ergibt sich dann folgende Geschichte:

Werbung DrohnenpilotDas russische Militär sucht verstärkt intelligente, technikaffine junge Leute für ihre Drohneneinheiten an der Front in der Ukraine. Versprochen wird ein Vertrag für ein Jahr, eine gründliche Ausbildung und danach Zugang zu staatlich finanzierten Ausbildungs- und Studienprogrammen (siehe Werbeanzeige links, deutsche Übersetzung).

Die Risiken dieses Militäreinsatzes werden nicht erwähnt oder heruntergespielt. Dabei sind Drohneneinheiten ein bevorzugtes Ziel der ukrainischen Abwehr, wie ein aktuelles Beispiel zeigt:

Timur, ein junger Mann aus der russischen Teilrepublik Altai, wurde nach seiner Ausbildung am Gnezdilow-Polytechnikum zum Wehrdienst eingezogen und dort als Drohnenpilot verpflichtet. Wir dokumentieren den übersetzten VKontakte-Bericht und einige ausführliche Leserkommentare dazu. Einen weiteren entsprechenden Fall findet ihr hier.

Viktor MayerIm Zusammenhang mit unseren Beiträgen über die Russlanddeutschen, die im Krieg gegen die Ukraine gefallen sind, wollen wir noch einen Bericht über den Russlanddeutschen Viktor Mayer nachschieben. 

Viktors Großeltern wurden während der Stalinära nach Kasachstan zwangsumgesiedelt. Viktor wurde in Kasachstan am 03.04.1977 geboren. Als er sieben Jahre alt war, zog die große Familie in das Dorf Nowotsimljanskaja in der Region Rostow am Don. Dort wurde der Strom Don zu einem riesigen See aufgestaut, dessen Fläche 2.700 km² umfasst. 

Nikita Sergejewitsch MalyschewDas ist die kurze Geschichte von Nikita Sergejewitsch Malyschew aus dem kleinen Dorf Poperetschnoje mit knapp 400 Bewohnern in Burjatien. Aus diesem Dorf sind mit Nikita bereits sechs Männer im Krieg in der Ukraine gefallen. Wir haben das Dorf zusammen mit allen übersetzten Nachrufen an anderer Stelle veröffentlicht.

Nikita ist der bisher jüngste russische Soldat, der im Krieg in der Ukraine gefallen ist.

Als Nikita am 07. April 2008 geboren wurde, da lief gerade die zweite Amtszeit von Präsident Wladimir Putin ab und er konnte nach der Verfassung nicht mehr kandidieren. Am 7. Mai 2008 übergab er für einen Wahlperiode an seinen Platzhalter Dimitri Medwedew.

Als Nikita sechs Jahre alt war, startete der erste Krieg Russlands - getarnt als Separatistenaufstand - im ukrainischen Donbass. Und als Nikita noch 13 Jahre alt war, griff die russische Armee im Februar 2022 die ganze Ukraine an.

Grigori Andrejewitsch DjatschkowDer erste Skandal um das kurze Leben von Grigorij Andrejewitsch Djatschkow begann im August 2025. Gregorij lebte in der sibirischen Großstadt Tjumen und war am 21. Juli 2025 volljährig geworden. Bereits einen Monat danach , am 22. August, unterzeichnete er einen Vertrag mit dem russischen Militär. Seine Mutter Angela hatte ihn nicht aufgehalten. 

Der zweite Skandal folgte zugleich. Ohne militärische Vorkenntnisse und kaum an der Front angekommen, wurde Grigorij sofort als Fahrer-Mechaniker in einem Angriffszug eingesetzt. Seine gewissenlosen Kommandanten schickten den jungen Kerl vom 16. auf den 17. September auf seinen ersten Kampfeinsatz, von dem er nicht zurückkehrte. Seit dem 23. September galt er als vermisst.

Und weil das nicht alles schlimm genug ist, gab es dann auch noch kafkaeske Umstände rund um die Beisetzung von Grigorij, die zeigen, wie die militärische Bürokratie noch in der sowjetischen Vergangenheit feststeckt.

Halbstadt Altai Krai 1

 Dorf Halbstadt im Deutschen Nationalbezirk in der Region Altai -- Foto: vlakon1986 -- Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wir befinden uns im Westen der Region Altai nahe der Grenze zu Kasachstan. Die Gegend ist landwirtschaftlich geprägt und liegt am Rande der Kulundasteppe. Zentrum des Gebiets ist die Stadt Slawgorod mit rund 27.000 Bewohnern - Tendenz stark fallend. Das Gebiet um Slawgorod ist das verbliebene Hauptsiedlungsgebiet der Russlanddeutschen. Deren Zentrum ist der Deutsche Nationalbezirk, der an den Bezirk Slawgorod angrenzt.

Zur Zeiten der Perestroika gab es im deutschen Nationalbezirk noch etwa 18.400 Russlanddeutsche, im Jahr 2010 sind davon gerade noch 4.700 geblieben.

Auf Grund der bescheidenen Lebenssituation melden sich auch viele Bewohner dieser Region freiwillig zum Krieg gegen die Ukraine und werden getötet.

Iwan Jurjewitsch Köberlein

Iwan Jurjewitsch Köberlein

Wer aus Oberschwaben in Baden-Württemberg kommt, hat sicher mal was von der Rockband „Schwoißfuß“ gehört, der Gründer hört auf den Nachnamen Köberlein. Dieser Nachname kommt aus dieser Region.
Der Tod von Iwan Jurjewitsch Köberlein wurde nur durch eine Liste des ukrainischen Projekts „Ich will leben“ bekannt. Iwan wurde am 23.12.1992 geboren, stammte aus der westsibirischen Großstadt Omsk und wurde am 2. Januar 2024 in der Ukraine getötet.
Iwan saß wegen mehrfachen Diebstahls in Haft und stand danach unter staatlicher Aufsicht: Obligatorisches Erscheinen bei der Behörde für innere Angelegenheiten am Wohnort, Aufenthaltsort oder tatsächlichen Aufenthaltsort 2 (zwei) Mal pro Monat zur Meldung, Verbot, die Stadt Omsk zu verlassen, Verbot, sich nachts zwischen 22:00 und 06:00 Uhr außerhalb der Wohnräume aufzuhalten.
Beziehungen nach Deutschland haben wir bei Iwan nicht gefunden,

Maxim Wladimirowitsch Schneidmüller

Maxim Schneidmüller

Der Tod von Maxim wurde durch eine Liste aus der Stadt Slawgorod in der Region Altai bekannt. 60 Kriegstote aus der Stadt mit gerade mal 27.000 Einwohnern wurden aufgezählt - darunter auch viele deutsche Nachnamen.
Maxim Schneidmüller wurde am 29.01.2003 geboren und am 06.09.25 in der Ukraine getötet. Anfang Oktober 2025 suchte seine Ehefrau öffentlich nach ihm. Warum er in den Krieg zog, war nicht zu erfahren.
Das Foto mit der Maschinenpistole stammt aus seinem persönlichen VKontakte-Account, er war damals 16 Jahre alt.
Ein russlanddeutscher Hintergrund ist sehr sicher, in Slawgorod lebt eine bedeutende deutsche Minderheit - siehe auch unseren kommenden Beitrag über die Region um die Stadt.

Witali Alexandrowitsch Günter 

Witali Günter

Witali Alexandrowitsch Günter (14.10.1978 - 14.12.2025) stammte aus dem Dorf Borowicha mit über 6.000 Bewohnern in der Region Altai. Das Dorf ist durch den Bau der Westsibirischen Eisenbahn entstanden. Und Witali  nennt als Arbeitgeber auch die Russische Eisenbahn.

Witali scheint zuletzt in St. Petersburg gelebt zu haben, das gibt er zumindest auf seinem VKontakte-Status an.

Sein Motto: Wie schmerzhaft es ist, sich in Menschen zu irren. Das Schicksal selbst lehrt uns eine Lektion… Wenn du ihnen deine Seele auf dem Silbertablett anbietest… bespucken sie sie…

Sein letzter Eintrag in seinem Status stammt aus dem April 2025, danach zog er in den Krieg.

Warum Witali sich freiwillig meldete, konnten wir nicht erfahren. Es gibt schwache Hinweise, auf einen russlanddeutschen Hintergrund.

Im Zeitraum zwischen Januar und April 2025 haben wir 258 Namen unter den russischen Kriegstoten entdeckt, die deutschen Ursprungs sein können - aber nicht sein müssen. Insgesamt dürften es inzwischen mehr als 1.800 russische Kriegstote geben, deren Namen auf eine russlanddeutsche Abstammung schließen lassen. Um uns nicht zu wiederholen, verweisen wir auf unseren entsprechenden Beitrag vom Mai 2025. 

In der folgenden Liste sind die Namen nach Regionen und Erfassungsdatum sortiert.

Alischer und Artem

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert jetzt über vier Jahre und es war nur eine Frage der Zeit, bis wir einen neuen Geburtsjahrgang unter den russischen Kriegstoten antreffen würden. Heute können wir euch die ersten russischen Kriegstoten vorstellen, die im Jahr 2008 geboren wurden. Zu Beginn des Krieges waren die beiden Jungs gerade mal 14 Jahre alt und beide hatten es nach ihrem 18. Geburtstag offensichtlich eilig, sich freiwillig zum Kriegsdienst in der Ukraine zu melden.

Alischer Alexejewitsch Swirin (Foto links) wurde am 21. Februar 2008 geboren und kam aus dem Bezirk Pawlowsk-Possad in der Oblast Moskau.  Artem Nikolajewitsch Derewzow (Foto rechts) wurde am 25.02.2008 in der Stadt Borsja in Transbaikalien geboren und am 5. Mai 2026 getötet. Alischer und Artem - beide waren gerade mal 70 Tage lang 18 Jahre alt.

Ayon Beisetzung

Beisetzung von Petr Wukwugwe (32 Jahre) und Konstantin Rochgyn (18 Jahre) am 21.04.26 auf der Insel Aion

Aion so heißt eine Insel  mit etwa 2.000 km² Fläche westlich der Tschaunbucht in der Ostsibirischen See ganz im Nordosten Sibiriens. Aion heißt auch das einzig bewohnte Dorf auf der Insel, dessen Bewohnerzahl stetig schrumpft - ob der kargen und kalten Lebensumstände und ob des Krieges gegen die Ukraine.

Ernest Nikolajewitsch Saltykow

„Ein gesegnetes Andenken dem Helden! Meine Seele ist voller Trauer... Wie viele Kinder werden nie wieder nach Hause zurückkehren? Wie viele Mütter werden ihre Söhne nie wiedersehen? Wann wird das endlich ein Ende haben?!“, schreibt Nadeschda S. zum Tod von Ernest Nikolajewitsch Saltykow, 23 Jahre aus dem Dorf Jar-Sale

Getreidespeicher Bezirk Mamontow

Getreidespeicher im Bezirk Mamontowski -- Foto: pav1898  -- Lizenz: CC BY 3.0

Mit dem Bezirk Mamontowski führen wir unsere Reihe der ländlichen oder abgelegenen Bezirke in Russland fort, die beinahe vollständige Listen über die im Krieg gegen die Ukraine gefallenen Soldaten führen. In dieser Reihe haben wir den Bezirk  Krasnotschikoisky in Transbaikalien, die Stadt Arsenjew in der Oblast Primorje und den Bezirk Toptschicha in der Region Altai vorgestellt.

Der Bezirk Mamontowski liegt im Zentrum der Region Altai. Im Jahr 2025 wurden 17.263 Bewohner gezählt. Der Bezirk ist landwirtschaftlich geprägt mit einem Schwerpunkt im Getreideanbau. Die folgende Liste enthält  97 Kriegstote, umgerechnet bedeutet das 562 Tote auf 100.000 Bewohner. Ein sehr hoher Wert, die gesamte Region Altai kommt nach unserer Statistik vom März 2026 auf einen Wert von 148 Tote auf 100.000 Menschen.

Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass Russland in diesem Jahr nicht genügend Zeitsoldaten rekrutieren konnte, um die Verluste an der Front auszugleichen. Wir hatten hier bereits darüber berichtet.

Will die russische Armee ihre erklärten Ziele – nämlich die Eroberung des gesamten Donbass erreichen, dann benötigt sie Soldaten, Soldaten, Soldaten.

Das gestaltet sich zunehmend schwieriger, dazu ein paar Ausführungen:

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